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Magie des Scheiterns: Richard Lowdon, Jerry Killick, Claire Marshall (v.l.n.r.) in "Real Magic".

Forced Entertainment

Das Leben ist kostbar

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Der britische Theaterkünstler Tim Etchells erfindet mit Forced Entertainment die Wirklichkeit. Jetzt auch beim Theatertreffen in Berlin.

Inzwischen sind das Heimspiele. Forced Entertainment kommt nach Berlin. Sie spielen im Hebbel am Ufer und beim altehrwürdigen Theatertreffen. Es ist tatsächlich ihre erste Einladung zu diesem Hauptfest der deutschsprachigen Bühnenkunst, man glaubt es kaum. Aber früher war dieses Festival jedem Theater verschlossen, das nicht in deutscher Sprache stattfand, und früher waren auch die Mauern zwischen Schauspiel und Performance noch dicker.

Für solche Grabenkämpfe hat sich Forced Entertainment noch nie interessiert. Sie setzen sich eine Maske auf, und spielen. Sie stellen sich einen Stuhl an den Tisch, und spielen. Sie nehmen ein Mikrofon, machen Licht an, schauen ins Publikum, und spielen. Kürzlich haben sie sich lauter Alltagsgegenstände hingelegt, eine Whiskyflasche, eine Pfeffermühle, eine Tube Zahnpasta und den ganzen Shakespeare gespielt. Jedes Stück ein Monolog, jedes Mal ein eigener Kosmos.

Regisseur Tim Etchells hat einmal gesagt, am Anfang hätten sie lediglich Bilder, Sprachen und Dinge einfach nebeneinander gesetzt, und entstanden seien dabei „brutale Gegenüberstellungen“. So brutal wie das Leben ist: alles beisammen, alles zugleich. Man darf nichts weglassen, keinem Konflikt ausweichen, keine Schönheit und keinen Schrecken scheuen, um das Leben zu begreifen.

Das geht jetzt seit 33 Jahren so. Noch als Studenten an der Universität von Exeter verabredeten Richard Lowdon und Tim Etchells, in den Norden zu ziehen und eine Theatergruppe zu gründen. Bis heute ist Forced Entertainment in Sheffield zu Hause, Lowdon einer der Schauspieler und Etchells der Spielleiter, öfter auch der Mitspieler. Zu den vielen Unwahrscheinlichkeiten der Geschichte von Forced Entertainment gehört, dass die Gruppe im Kern zusammengeblieben ist. Claire Marshall, Cathy Naden, Terry O-Connor, Robin Arthur, Sue Marshall, Lowdon, Etchells: Sie haben immer wieder gemeinsam von vorn begonnen.

Der 55-jährige Etchells erzählt gern, dass zu seiner Arbeit wesentlich gehört, die Schauspieler dabei zu beobachten, wie sie sich auf ihre Auftritte vorbereiten, die Bühne herrichten, die Kostüme anziehen. Und häufig tauchen in den Inszenierungen Szenen auf, die aussehen, als seien sie genau diese Vorbereitungen: Die Grenzgebiete zwischen Spiel und Leben sind sehr schmal, sehr feinkörnig.

In ihnen ist die Kunst zu Hause, die Etchells erfindet. Er hat es als ein Theater bezeichnet, „das dich einer Welt aussetzt, statt dir eine zu beschreiben“, ein Theater auf der Suche nach „Kollisionen unterschiedlicher Materialien, verschiedener Erzählweisen“. Es wundert nicht, dass es gern mit Shakespeare verglichen wurde. In der Inszenierung „Dirty Work“, die 1998 herauskam und jetzt in einer erneuerten Version am Hau zu sehen ist, begeben sich Robin Arthur, Cathy Naden und Terry O’Connor in einen Erzählwettstreit: eine Welt erschaffen, indem man sich der Welt verschreibt, nichts beschönigt, nichts dramatisiert. In „Real Magic“, der beim Theatertreffen gezeigten Performance, wird eine Show-Szene wiederholt, mit kleinen Veränderungen: ein sogartiges Spiel der Verschiebungen, ein Spiel über die Magie des Scheiterns, den Zauber des Rituellen.

„Theater ist in gewisser Weise tyrannisch“, sagt Etchells, „du musst deine Show in anderthalb Stunden abziehen, und das Theater ist voller Erwartungen. Dagegen rennen wir an.“ Immer wieder, immer wieder anders. Gern wird dabei auf die sonderbare Komik, die Melancholie und Metaphysik der Arbeiten von Forced Entertainment verwiesen. Das Geheimnis ihres Theaters ist aber, dass es so tut, als hätte es einen Hintereingang ins Über- und Unterbewusstsein der Zuschauer gefunden, als habe es sich heimisch in einem selbst gemacht.

Das Geheimnis ist, dass jede Szene aus dem Spiel heraus erfunden wird, immer im direkten Bezug zum Publikum, immer in ungebremster Gegenüberstellung von Figuren, Konflikten, Stimmungen. Und immer ersteht aus den unterschiedlichsten Spielformen, aus disparaten Versatzstücken verschiedenster Traum- und Wirklichkeitswelten ein Theater der Unberechenbarkeit. Auch Kenner werden von der ausgebufften Forced-Entertainment-Ästhetik regelmäßig überrascht.

Diese Kunst der Unberechenbarkeit ist auch den verschiedenen Künsten zu verdanken, die Etchells selbst bespielt. Er steht oft selbst auf der Bühne wie jetzt am Hau mit Meg Stuart für die Inszenierung „Shown and told“, er hat aufwendige Foto- und Lichtinstallationen entworfen, hat ausgreifende Essays und ungewöhnliche Romane geschrieben. Einer ist „Broken World“, ein Computer-Rollen-Spiel in Prosa, fast 400 Seiten, in denen man sich als Leser verliert und seltsam gefangen genommen wird. Er entstand, weil Kuratorin Aenne Quinones ihn vor 15 Jahren zu einem Berliner Festival einlud und fürs Programmheft um einen Text bat, in dem der Satz „Das Leben ist so kostbar, selbst jetzt“ auftauchen sollte. Er kommt in „Broken World“ am Ende vor, aber er könnte über jedem Forced-Entertainment-Abend stehen: Das Leben ist kostbar, trotz allem, selbst jetzt.

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