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Die Revolutionäre in der Todeszelle.

Nationaltheater Mannheim

Das Leben ist grell, aber der Tod furchtbar

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Ernst Tollers „Hoppla, wir leben!“, stark und unterhaltsam im Nationaltheater Mannheim.

Ernst Tollers „Hoppla, wir leben!“, 1927 ein knallheißes Gegenwartsstück, bietet auch heute Gelegenheit, den eigenen Standpunkt zu überprüfen. Wie steht es um die Chancen einer linken Revolution, und will man eine linke Revolution, und wodurch genau unterscheidet sich eine linke Revolution von einer rechten, wenn der linke Attentäter in spe feststellen muss, dass ihm der rechte Attentäter nur wenige Sekunden zuvorgekommen ist? Und spielt es dabei eine Rolle, dass die Motive des linken Attentäters lauterer gewesen wären als die des rechten (und gibt es lautere Motive für einen Attentäter)?

Ist es resignativ oder ist es vernünftig, sich von der linken Revolutionärin zu einer verfassungstreuen Kämpferin für Arbeitnehmerrechte zu entwickeln? Ist die Gefahr von links oder die Gefahr von rechts größer? Und ist das nur 1927 eine eher rhetorische Frage, wie auch die nächste? Denn ist es wirklich möglich, dass eine Gesellschaft weniger als zehn Jahre nach einem selbst nach nationalistischen Maßstäben desaströs verlaufenen Weltkrieg bereits komplett vergessen hat, wem sie diesen Krieg verdankt hat? Und also dieselben Leute getrost weitermachen lässt?

Und überhaupt lässt sich auch folgende, sogar extrem aktuelle Frage anknüpfen: Sind die sogenannten Verrückten verrückt oder sind die Normalen verrückt, wenn die Normalen hart, dumm, egoistisch und damit mittelfristig gemeingefährlich handeln?

„Hoppla, wir leben!“ wird trotzdem selten gespielt, jetzt aber im Nationaltheater Mannheim, wo Katrin Plötner einen sicheren und effektvollen Zugriff findet: so nah am Text, wie man es einem nicht oft inszenierten Stück wünscht, so unterhaltsam und böse, wie es einer „politischen Revue“ ansteht. Geschickt wechseln die Mitspielenden zwischen der in diesem Zusammenhang bizarren Bewegungssprache des Showbiz (Choreografie: Michael Bronczkowski) und intensiven neusachlichen Szenen. Das alptraumhaft Unwirkliche bekommt einen geeigneten Rahmen: Das Bühnenbild von Daniel Wollenzin greift das vom Autor vorgesehene Etagengerüst perfekt auf. Diesmal ist es ein eisernes Ei, durch eine Leiter erreichbar. Oben sitzen Leutchen für die Eingangsszene hinter Gittern, unten patrouillieren Wachen, die durch ihre Elastizität nicht ungefährlicher wirken. Im Gegenteil, sie könnten wohl auch Superhelden bewachen, aber es ist bloß eine verängstigte Schar Revolutionäre, die aufs Todesurteil warten. Es ist keine Schande, vor dem Tod Angst zu haben, und man muss nur zwei Minuten zuschauen und wird nie mehr für die Todesstrafe plädieren können.

Schon hier ist es erstaunlich, wie Plötner im Ulkigen und Eigenartigen ohne sichtbaren Aufwand Menschen zeigen kann. Lili Wanners wechselnde Kostüme machen aus den Figuren manchmal Gestalten aus George-Grosz-Bildern, aber auch die drastische Karikatur ist nie bloß ein Spaß, sondern sie erzählt von einem elenden Krampf. Vielleicht unterscheidet das den Abend von vielen pfiffigen Inszenierungen: Dass das Unbehagen alles unterhöhlt und dass das Publikum selbst zu diesem Schluss kommen darf.

Das Ensemble wirkt vielfältig, möglicherweise ist auch das Unrunde rund ums eiserne Ei einer der Vorzüge der Aufführung. Arash Nayebbandi als Revolutionär Karl Thomas, der acht Jahre in der Psychiatrie verbracht hat, ist ein zarter, womöglich ein wenig naiver, aber gewiss nicht unvernünftiger Mensch. Die, die draußen weitergewurstelt haben, sind greller und grell ausstaffiert. Aber nie wird es simpel. Schwer zu vergessen ist etwa Martin Weigel als Thomas’ Gegenspieler, der Minister mit dem sprechenden Namen Kilman, der seine kleinbürgerliche und revolutionäre Vergangenheit im pompösen Anzug jeden Moment mit sich herumschleppt. Er wird sich nicht los. Wir werden uns nicht los.

Nationaltheater Mannheim:11., 24. Mai, 7., 9., 16. Juni. www.nationaltheater-mannheim.de

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