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„Le Sacre“ in Mainz: Die Modenschau der Opfer

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Von: Sylvia Staude

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Szene aus „Le Sacre“ in Mainz. Foto: Andreas Etter
Szene aus „Le Sacre“ in Mainz. © VON SYLVIA STAUDE

„Le Sacre“ von Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero in Mainz.

Die Uraufführung von „Le sacre du printemps“ in der Choreografie Vaslav Nijinskys und mit der rhythmisch äußerst intrikaten Musik Igor Strawinskys war im Mai 1913 erstmal ein Skandal, hatte aber, vor allem wegen Nijinskys unorthodoxer Bewegungssprache, einen immensen Einfluss auf die Tanzgeschichte. Geflexte Füße, eingedrehte Beine, das fand ein vom klassischen Tanz geprägtes Publikum hässlich. Viele Choreografinnen und Choreografen versuchten sich im Folgenden am „Frühlingsopfer“, am berühmtesten wurde wohl Pina Bauschs Version, in der sich die junge Frau auf schwerem Torfboden in die Erschöpfung und den Tod tanzt.

Jetzt treten im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters Rosalba Torres Guerrero und Koen Augustijnen mit einem „Le Sacre“ betitelten Abend an, der in seinem zweiten Teil die nur etwa halbstündige Strawinsky-Musik verwendet, gespielt vom Philharmonischen Staatsorchester.

Auf Pumps stöckelnd

Als sie gehört hätten, dass womöglich Orchester und große Bühne zur Verfügung stünden, habe Koen nur „Le Sacre“ geschrien, wird Torres Guerrrero im Programmheft zitiert. Ob sie aber zu diesem Abend einen anderen Einfall hatten, als einen großen Teil der Verantwortung der Kostümbildnerin Stefanie Krimmel zu überlassen, bleibt ein Rätsel.

Ein im ersten Teil so üppig gekleidetes und auf Pumps stöckelndes Völkchen, dass es sich zu Richard Wagners Tannhäuser-Ouvertüre kaum bewegen kann, zieht sich zwar dann zunehmend aus, doch ist trotz vieler hübsch verschrobener Bewegungen eben nur das zu sehen: Leute, die sich in sensationellen Kostümen spreizen, dann mit gebremster Fröhlichkeit, aber doch recht guter Laune, Party feiern. Als zentrale Figur eine Art Rocky-Horror-Frank’n’Furter, der mal die eine, mal eine andere Frau anmacht, so dass die eine betrübt ist.

Die Bühne Jean Bernard Koemans wird von einer Brücke beherrscht, auf die sich immer wieder einzelne oder ein paar Tänzerinnen und Tänzer begeben. Das mag symbolisch gemeint sein, macht trotzdem in seiner Beliebigkeit nicht klarer, worauf dieser Abend eigentlich zielt und ob überhaupt versucht wird, die Frühlingsopfer-Geschichte neu zu deuten.

Man eröffnet also mit Wagner, das Publikum soll sich dabei die kurios kostümierten Figuren in Ruhe ansehen können – und das kann es zweifellos: Wie ein Wasserfall stürzende weiße Haare, einen Mantel aus schwarzen Federn, einen Reifrock, geformt wie eine Acht, Altertümelndes wie auch Futureskes, viel Glitzer und Gold, viel Schwarz und Weiß. Man stöckelt an die Rampe, dreht und wendet sich, nimmt Posen ein.

Dann erste Entblätterungen zu Arvo Pärts „Cantus in memory of Benjamin Britten“. Ein Teil der dicken Schminke wird abgenommen. Zahlreiche heiße Höschen kommen zum Vorschein, auch nackte Hinterbacken. Es gibt Soli, dann wieder energievolle Gruppenformationen, deren Bewegungsfolgen bisweilen reizvoll ironisch wirken. Als wollten hier Menschen eine Party feiern, die nicht recht wissen, wie die gerade angesagten Tänze aussehen.

Langweilig sind die 75 Minuten nicht, wie von Guerrero und Augustijnen gedacht, gibt es genug zu sehen. Aber es ist doch ein verflixt leichtgewichtiger Abend geworden, einer, hinter dessen Schauwerten keine tragende Idee sichtbar wird.

Staatstheater Mainz: 6., 7., 13., 15., 21., 31. Mai. www.staatstheater-mainz.com

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