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Das Mainzer Ensemble, auch sängerisch gefragt.

Tanzmainz

Lasst nicht nur Körper sprechen

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"Nothing", eine wortreiche, teils übermütige und durchaus füllige Choreografie von Roy Assaf in Mainz.

Die Kostüme sind ein deutlicher Hinweis: Diesmal wird es wohl bei Tanzmainz nicht dunkel und bedrohlich werden – trotz des ominösen Stücktitels „Nothing“ –, denn diesmal tanzt der zwar nicht üppig, nur in Badehose, Badeanzug, aber farbenfroh bekleidete Mensch. Ein Strand oder Swimmingpool ist zwar nicht in Sicht, aber immerhin ein paar Treppenstufen, so dass man angesichts der nun nach und nach und eben auch von hinten über die Stufen hereinkommenden Darsteller an alte amerikanische Revuefilme denken kann.

Aus dem an Choreografie-Talenten reichen Israel kommt Roy Assaf, der jetzt erstmals mit dem Mainzer Staatstheater-Ensemble arbeitete und bei „Nothing“ auch die Ausstattung verantwortet. Ein bejubelter Renner war hier das streng-furiose „Soul Chain“ von seiner Landsfrau Sharon Eyal, nun hat Tanzdirektor Honne Dohrmann für atmosphärische Abwechslung gesorgt.

Es treten also die Tänzerinnen und Tänzer gemächlich auf, sie halten die Hände vors Gesicht, als würden sie gleich „Kuckuck“ sagen wollen, und stellen sich, auch die Männer, zierlich auf wie Badenixen. Dann, hua!, boxen sie plötzlich in die Luft, mimen einen zeremoniellen Kampf, skandieren im Chor einen Text. Man bemüht sich, etwas zu verstehen, aber es klingt jedenfalls nicht nach einer der weitverbreiteten Sprachen. Im Programmheft erzählt der Choreograf, wie er seine jüngste Tochter beobachtete, die gleichzeitig tanzte und redete, und wie er am nächsten Tag die Tänzer bat, bekannte Songs in Fantasiesprache zu singen. Aha.

Keine unerhebliche Information, denn es wird an diesem 60-minütigen Abend fast pausenlos auch gesungen und geredet. Und so ausdauernd geplappert, vor allem in einem Beziehungsstress-Duo, dass man sich doch wünscht, die beiden Tänzer hielten mal eine Weile die Klappe und ließen nur ihre Körper sprechen.

In seiner Bewegungssprache neigt Roy Assaf zum Drolligen, aber auch deutlich Artikulierten. Die Bewegungen mögen schnell sein, aber sie sind auch klar lesbar, werden immer wieder durch kurzes Innehalten getrennt, nehmen vertraute Gesten auf, zitieren mal kurz Stummfilm-Hampeleien oder Show-Posen. Das ist alles sorgfältig und detailliert gefügt, Assaf scheint kein Beinschlenker einfach so zu unterlaufen. Allerdings dominiert das ziemlich Nette.

Das ist nicht schlimm, allerdings hat das „Nichts“ an diesem Abend doch kleinere Längen. Denn nach dem ziemlich spektakulären Beginn tollen erstmal alle 13 Tänzerinnen und Tänzer einzeln herum, sich manchmal auch für Monty Pythons Ministry of Silly Walks bewerbend. Sie geben den hektischen Komiker, singen schon ein bisschen, quatschen, stolpern, springen durcheinander.

Dann bleiben Nora Monsecour und Jorge Soler Bastida übrig, spielen und tanzen (und leider auch: quatschen, ohne dass man außer „mi amor“ irgendetwas versteht) alle Varianten einer Paarbeziehung durch, streicheln sich oder stellen sich ein Bein, drängen sich dem anderen auf, schubsen ihn weg, sind mal zärtlich, mal ruppig zueinander. Aber wenn man meint, ah, jetzt hört es auf, geht es doch immer noch weiter.

So ziehen sich dann auch die vorletzte und letzte Szene leicht in die Länge, auch wenn diese immerhin zuerst ein munteres Liebeslieder-Medley – von „Barbara Ann“ von den Beach Boys bis „So Happy Together“ von den Turtles –, dann eine (scheinbar) Endlosschleife von „Aisere I Love You“, ein schmalziger Japanpop-Song von 1971, bringen. Letzterer wurmt sich immer tiefer in Gehör und Gehirn der Zuschauerin, während das Ensemble paarweise herauskommt und kleine hübsche, gut gelaunte Duos tanzt.

„Nothing“ hellt die Winternacht ein wenig auf. Anders als Sharon Eyals „Soul Chain“ möchte man es aber nicht sofort noch einmal von vorne sehen.

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