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Auch mit den Kostümen gut beschäftigt: Lars Eidinger als Peer.  

Schaubühne Berlin

Lars Eidinger: Milchbube Peer

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Solo an der Schaubühne: Lars Eidinger rackert sich als Peer Gynt in einer John-Bock-Installation ab.

Das ist ja gar kein riesiger Elefant, der da unbeachtet und bildfüllend in der Berliner Schaubühne herumlungert, vier Beine und einen Alurüssel von sich gestreckt. Der kuschelbunte Flickenball mit einem Durchmesser von bestimmt vier Metern entpuppt sich spätestens am Ende von Lars Eidingers Peer-Gynt-Solo, wenn er aufsteigt wie ein Ballon, als raumbeherrschendes Euter.

Dann ergibt auch die überfrachtete Installation des Künstlers John Bock einen Sinn, besteht sie doch im Grundgerüst in einer Melkanlage mit Gestänge und Saugstutzen. Es gibt sogar ein umlaufendes System mit durchsichtigen Rohren, durch die Milch gepumpt wird. Das erkennt man alles erst nach und nach, auf den ersten Blick bietet sich ein Kinderzimmerchaos, aber auch das ist motivisch durchaus passend.

In besagtem Schlussbild stülpt sich der Protagonist, der sich zuvor durch eine Milchdrüse in das Euter gezwängt hat, wie eine fünfte Zitze aus, wird dann aber – Schlussmonolog, Schlussmonolog, Schlussmonolog – immer weiter hinab gelassen, bis er, noch an der Nabelschnur hängend, in einem Schacht verschwindet. „Eines Tages werden wir geboren, eines Tages sterben wir, am selben Tag“, schrieb Samuel Beckett. „Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick, und dann von neuem die Nacht.“

Schaubühne Berlin
15.-17. Februar, 6.-8. März. schaubuehne.de

Kräftiges Symbolgehudel also, vielleicht ein bisschen inkonsistent, denn die Milchdrüse ist ja – anders als nach einem Wort von Heiner Müller der Mutterschoß – durchaus eine Einbahnstraße. Aber gut. Wir werden hier schon deutlich genug auf das Grundthema dieses Ich-Dramas gestoßen, das Henrik Ibsen dem aus allen Nähten platzenden Ego von Lars Eidinger auf den Leib geschrieben zu haben scheint.

Dieser Peer kommt nicht los von Aase, seiner Mutter, er findet keine Identität, sondern umschichtet sich mit Lügen, Rollen und Machtfantasien wie die berühmte kernlose Zwiebel (die in der Schaubühne durch eine zwar einhäutige und vielkernige, aber immerhin scharfe Peperoni ersetzt wird). Dem Milchbubi helfen auch die erotischen Abenteuer nicht aus seinem mutterfixierten Narzissmus. So explizit die auf die Leinwand geworfenen Bilder von drei Pornodarstellerinnen sind, zwischen die sich der nackte Peer via Greenscreen blendet – es bleibt eine den Erwachsenen abgeguckte Freizeitbeschäftigung. Schon wegen der Größenverhältnisse wird Peer zu einem lustigen Rackermännchen, das zu der erotischen Erfüllung der drei Frauen nichts beizutragen hat.

Apropros abrackern. Eidinger hat wirklich viel zu tun in den gut zwei Stunden, die der Abend dauert. Ständig muss er sich was mit Tape oder Draht an den Körper basteln, sich weiß oder grün anmalen oder die stets bauchfreien Kostüme und Perücken wechseln. Schnell zur nächsten Pose, her mit der Textpumpe und der Reimrohrzange. Fummeln, suchen, markieren. Allein, was er außer der Peperoni zu sich nimmt und teilweise wieder hochwürgt: viel Milch, die er im Mixer zum Würstchen-Toastbrot-Bier-Sauregurken-Smoothie püriert – wir ahnen da aber schon, dass er auch mit dieser Nahrungsergänzung nicht loskommen wird von der Mutterbrust.

Während seiner sich im Kreis drehenden Ich-Suche landet er vielleicht am nächsten bei sich, wenn er fast weinend zu entschleunigtem und entschlacktem Karaokebackground Songs von Aha (mit Peer Gynt seelenverwandte norwegische Milchbubis) singt.

Aber was ist los mit der Energie? Eidinger scheint seine Auftritte, um die der Abend schließlich herumorganisiert ist, gar nicht mit voller Seele zu genießen. Seine Triumph-, Räkel- und Aalposen wirken wie leicht zusammengesackte Eidinger-Zitate. Depressive Mattigkeit schiebt sich wie eine Nebelwolke vor das doch so reiche Zeichenchaos. Nicht einmal in der Konfrontation mit dem Publikum flackert Entgleisungsgefahr auf. Eidinger hangelt sich mit bewundernswerter Behauptungsausdauer von Zustand zu Zustand. Und zieht so das Publikum mit herab in den Abgrund des Überdrusses.

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