Gewölbekeller Höchst

Langer Atem, tiefe Farben

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Michael Riessler und Jean-Louis Matinier im Höchster Gewölbekeller.

Eine Musik über den Genres. Keine unverbindliche Grenzgängerei, die mal hierhin, mal dorthin ausgreift, sondern eine ästhetische Setzung. Michael Riessler und Jean-Louis Matinier sind Weggefährten in unterschiedlichen Besetzungen seit beinahe drei Jahrzehnten.

Noten hatten der in Ulm geborene und seit langem in Frankreich lebende Bassklarinettist und der französische Knopfakkordeonspieler bei ihrem Duokonzert im wunderbaren Gewölbekeller am Frankfurt-Höchster Schlossplatz vor sich – einen Gegensatz zwischen Komposition und Improvisation scheint diese klar strukturierte, ungeheuer reich facettierte und dabei unmittelbar ansprechende Musik indes nicht zu kennen.

In seinen frühen Jahren war Riessler ein gefragter Interpret der Nachkriegsavantgarde von John Cage und Steve Reich über Mauricio Kagel und Karlheinz Stockhausen bis zu Vinko Globokar. Als Komponist setzte er sich über die akademische Strenge zumindest eines Kernbestands der „Neuen Musik“ hinweg und brachte deren Errungenschaften in eine Beziehung zum Freien Jazz und zur Folklore. Das Ergebnis: eine Musik, die weder zeitlich noch räumlich unmittelbar zu verorten ist.

Das Akkordeon nimmt im Duo mal die Rolle des Bordunspiels ein, dann wieder ist ein Bezug zum musikalischen Minimalismus, zur Barockmusik und immer wieder auch zur französischen Musette offenbar, dies aber ohne nostalgisch-folkloristische Aura. Zuweilen trägt Matinier einen untergründigen swingenden Groove bei. Momentweise wird das Akkordeon zum klangrhythmischen Perkussionsinstrument.

Das begleitete wie auch das häufigere unbegleitete ausgedehnte Solospiel ist nicht durch einen expressionistischen Ausdruckswillen geprägt. Von stringenter Dichte die musikalischen Gedanken. Auch Riessler bezieht sich in seinem Part immer wieder frei auf die Pattern der Minimal Music; er entwickelt eine phänomenale Kraft im furios ausdauernden Spiel mit Zirkularatmung, über viele Minuten hinweg. Die Klangsprache des Instruments lotet er voll aus, von einer funkelnden Tieftönerei bis zum lustvoll-nervig schrillen Ruf.

Im selbstverständlich enthusiastisch gefeierten Konzert entfaltet die spielerische Leichtigkeit, noch befördert von der atmosphärischen Intimität des Ortes, eine bezwingende Sinnlichkeit. Ideal das Zusammenwirken von Formwillen und einer von den Jahren unbeschadeten Spiellaune.

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