Szene aus „Singularität“.

Landungsbrücken

Landungsbrücken Frankfurt: In strenger Körperhaltung

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Ein Abend über Künstliche Intelligenz in den Frankfurter Landungsbrücken.

Künstliche Intelligenz ist augenblicklich ein Thema en vogue, tatsächlich wird sie in der einen oder anderen Art vermehrt Teil unserer Wirklichkeit werden. Ob das Leben künftig allerdings tatsächlich ein Solostück mit begleitender Stimme aus dem Off sein wird, steht dahin. Das Stück „Singularität“ ist eine Fantasie zu dem Modethema, inszeniert am Frankfurter Theater Landungsbrücken von Isabella Roumiantsev, einer Absolventin des Regiezweigs an der hiesigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Und natürlich geht es auch hier um ein mögliches Verschwimmen der Grenze zwischen Mensch und Maschine. Inmitten eines raumgreifenden Wasserbassins mit Pegel kurz unter Knöchelhöhe ragt ein voluminöses Pult für ein elektronisches Instrumentarium auf, an dem Max Clouth zwischen Dancebeats, Ambient und Minimalismus einen Szene für Szene passgenauen Soundtrack schafft. Dem Solo mit der Tänzerin Maria Kobzeva ist eine rituelle Strenge eigen. Gekleidet in ein stylish-sportliches Schwarz mit einer gewissen zitathaft fernöstlichen Anmutung, exerziert sie eingangs eine Abfolge von gymnastisch-sportlichen Trainingsübungen durch; man hört das fokussierte Ausatmen in der Stille.

Alsbald entspinnt sich ein rudimentärer Dialog in englischer Sprache mit einer männlichen Künstliche-Intelligenz-Stimme. „Tonys“ Weisheitsgrad scheint dem einer Zeitschriftenbriefkastentante nahezukommen. Die Performerin dreht eine Runde mit einer Schale mit Weihrauch an den an zwei Seiten des Bassins in einer beziehungsweise zwei Reihen untergebrachten Zuschauern vorbei. Zeitweise scheint sie ein Mensch zu sein, dann wieder stakt sie mit den ruckeligen Bewegungen eines Roboters durch das Bassin; mitunter repetiert sie endlos binäre Codes.

„This technology is not an alien force/we created it“, heißt es in einem Buch, aus dem sie in strenger Körperhaltung vorliest. Auch von der Affennatur in uns ist die Rede. Einmal reagiert Tony auch auf vielfachen nachdrücklichen Zuruf nicht – um irgendwann zu melden, er befinde sich gerade in einem Meditationscamp; die beiden Funktionen „Street Navigator“ und „Web Search“ stünden jedoch zur Verfügung.

Im finalen Bild befragt die Frau die Künstliche Intelligenz, ob sie ihr vertrauen könne. Tony reagiert mit der Gegenfrage, wie vielen Menschen sie in ihrem Leben denn habe vertrauen können. Einem einzigen, lautet die Antwort. Roboter hintergehen einen nicht, so wird vermutet. Bloß ob uns das glücklich machen muss...

Worauf dieser sich viel Zeit lassende und mit ungefähr 45 Minuten gleichwohl sehr kurze Abend hinaus will, bleibt nebulös. Über die fraglose Unbill der offenkundigen Einsamkeit des Menschen hinaus wirkt die Zweisamkeit mit der Maschine so besonders katastrophal dann auch wieder nicht. Nicht schlimmer als die Einsamkeit der Großmutter vor dem Fernseher jedenfalls. Lebensglück stellt man sich allerdings anders vor. Und denkt sich beim Verlassen des Theaters bloß: Tja.

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