1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

Land in Gefahr

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Sie könnten ein beißendes Gegenwartsspiel zeigen: Katrin Wichmann, Felix Goeser.
Sie könnten ein beißendes Gegenwartsspiel zeigen: Katrin Wichmann, Felix Goeser. © Arno Declair

Stefan Pucher zeigt am Deutschen Theater Berlin „Marat/Sade“, die Regie läuft gleichsam vor dem Stück davon.

Von Dirk Pilz

Sie spielen Revolution. Das ist schön. Sie haben Trommeln mitgebracht, Puppen, Perücken, ein paar Filmaufnahmen, einen Chor und viel Lust am Lautsein, vor allem aber am spöttischen Silbenklappern. Das ist mitunter auch schön. Nur hat sich die Revolution damit schnell erledigt. Sie ist vorbei, noch ehe das Stück anfängt. Aufgesaugt von Lustbarkeiten, ausgerutscht auf dieser Ironieschmierseife.

Es wird Peter Weiss gespielt, das berühmteste Stück des vor einhundert Jahren geborenen Dichters, Malers und Denkers: „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter der Anleitung des Herrn Sade“. Im Deutschen Theater ist der Titel gekürzt zu „Marat/Sade“, nicht nur aus Vermarktungsgründen. Das Drama in zwei Akten wurde in der Regie von Stefan Pucher auf eine flotte Formel gebracht, in eine gut geölte Begriffsschublade gepackt, es dient als Altar fürs blitzende Showbizz, fürs hübsch Knackige, auch Derbe.

Das müsste nicht schaden. Peter Weiss hat sein 1964 im Berliner Schillertheater uraufgeführtes und danach weltweit gefeiertes Stück in Knittelversen als Parabel auf eine veränderungsbedürftige, aber revolutionsresistente Unterdrückungsgesellschaft begriffen, Pucher prüft binnen seinen gut 100 Theaterminuten, ob sie auch fürs Heute noch trägt.

Es ist ein Stoff aus der Französischen Revolution, ein Debattenstück: Hier Jean Paul Marat, der mit Gewalt Gerechtigkeit schaffen und so den guten, erlösenden Sozialismus erzwingen will, am Ende aber in der Badewanne von Charlotte Corday erdolcht wird, weil sie glaubt, die Welt vor einem kommenden Tyrannen bewahren zu müssen. Und dort Marquis de Sade, der den Individualismus predigt, die Kraft des Einzelnen, die Abgründe der Leiblichkeit. Zwei Weltprinzipien, beide in stetem Konflikt – es kann nichts Gutes daraus werden, das wusste Weiss, das erzählt dieses Stück. Und es verwendet dabei einen spielförderlichen Trick: Die Marat-Sade-Handlung wird als Stück im Stück von Irren einer Irrenanstalt gegeben, hintersinnigerweise inszeniert von Sade.

Das behält Pucher alles bei. Und er hat mit Felix Goeser einen Sade, der herrlich herrisch werden und mit den Silben wunderbar dämonisch flunkern kann. Er hat mit Daniel Hoevels dazu einen Marat, dem das Melancholische genauso wenig fremd ist wie der Machtwille, daneben noch eine schön schneidende Katrin Wichmann als Charlotte: Ja, es gibt von Bissigkeit angespitzte Szenen, die das Drama als beißendes Gegenwartsspiel zeigen, atemlose, dichte Szenen.

Aber Pucher hat ihnen offenbar nicht vertraut, nicht dem Ernst, nicht der Klugheit des Schau-Spiels seiner Darsteller. Der Abend wirkt oft, als ängstige sich die Regie vor den Unberechenbarkeiten des Spiels selbst. Er ist deshalb mit lauter bunten Girlanden behangen: Den Schauspielern wurden Puppenbeine umgebunden, auf dass sie zu Verfremdungsmaschinen werden; Anita Vulesica ist es als Conférencieuse aufgegeben, immer dann in die Szenen zu platzen, wenn diese ihren Theater-Theater-Kokon verlassen wollen, wenn der schwarz gekleidete, scharfe Uniformchor die Revolution herbeiruft vor allem. Schnell wieder lustig sein, das ist das Motto.

Die Regie läuft an diesem Abend damit nicht nur vor dem Stück davon, sondern vor der Welt, von dem es erzählt. Von Revolution muss man dabei nicht weiter reden – es ist alles schiere Spielerei. Schön anzuschauen, auch unterhaltsam, aber wie seltsam aus der Zeit gefallen. Als ob man sie mit einem Augenzwinkern verstehen könnte. Oder will gerade Pucher, der Facharbeiter für das ironische Stückabwickeln, das Ende dieser seiner Ironie ausstellen? Hm.

Peter Weiss war einst die Dialektik wichtig, das Ineinander der gegenseitigen Positionen. Das ist bei Pucher gestrichen, es bleibt der nackte Dualismus: Sade und Marat. Nur haben sie sich nichts mehr zu sagen, sie spielen, reden, denken aneinander vorbei, wenn auch mit viel eindrücklicher Energie. Das Dialektische war Weiss wichtig, weil er nach einem dritten Weg forschte, nach dem unerfindlichen Pfad zwischen blankem Individualismus und gewaltbereitem Sozialismus. Er fand ihn nicht, aber er suchte. Pucher sucht auch – und findet Regie-Nettigkeiten. Das macht die Inszenierung belanglos – und zynisch. Man muss das jedoch als Ausdruck von Verzweiflung verstehen – nichts ist ja einfacher als ironisches Geplänkel und zynisches Kommentieren.

Der Anfang des zweiten Aktes ist übrigens ans Ende gesetzt, die Rede Marats in der Nationalversammlung. Daniel Hoevels sitzt neben der toten Marat-Puppe, er spricht vom „Land in Gefahr“, von Hunger, Kapital und Freiheit, „wir brauchen endlich einen wahren Abgeordneten des Volkes, der unbestechlich ist“, keinen Diktator, sondern einen „Chef in der Zeit der Krise“. Das wird der Chor seltsam affirmierend wiederholen, hineinschreien ins Parkett mit grimmiger Miene. Dann ist das Spiel aus, vorbei, es ändert sich nichts.

Deutsches Theater , Berlin: 3., 10. und 21. Dezember. www.deutschestheater.de

Auch interessant

Kommentare