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Meister des Kummers: Fabian Hinrichs spricht und jammert Pollesch.

Fabian Hinrichs René Pollesch

Lamento vor Lametta

Volksbühne Berlin: Fabian Hinrichs brilliert als Jammerlappen in René Polleschs „Keiner findet sich schön“. Aber nichts kann er so gut wie das o. Zum Beispiel in „Es ist soo00OO0o traurig!“.

Von Ulrich Seidler

So viel Kummer und so viel Text! Das neue von René Pollesch geschriebene und inszenierte Fabian-Hinrichs-Solo ist an der Volksbühne unter schönstem Beifall zur Premiere gekommen. Einem Beifall, der wortwörtlich ungefähr so zu übersetzen ist: „Doch, wir! Zumindest hinreichend! Und dich, du schönste Heulsuse, sowieso!“ Es ist die Antwort auf den titelgebenden Seufzer: „Keiner findet sich schön!“

Wir sind schließlich im Theater, und das heißt auch in der Volksbühne: unter Nicht-mehr-ganz-Jugendlichen, die ihre ersten Identitätskrisen schon durchlitten haben und schon fast von gestern sind. Dass überhaupt Beifall ertönt, die Leute also die Hände zum Klatschen frei haben, weil sie das Bühnengeschehen noch mit den Sinnen wahr- und nicht mit dem Smartphone aufnehmen, dürfte schon bald ein überkommenes Gebaren sein.

Mit diesem gemeinschaftlichen Brauch wird wohl zu unser aller Bedauern auch die Tradition des Stagedivings untergehen, denn kein Popstar, der noch bei Trost ist, schmeißt sich in die Menge, deren Gesichter nicht den Popstar selbst, sondern sein auf ihren Smartphone-Displays leuchtendes Bild anstarren.

Spränge er doch, müssten die Fans erst ihr Smartphone wegstecken, um ihn aufzufangen. Das aber würde ihnen die Aufnahme versauen, und sie hätten nichts zu posten. „Oder“ – so heißt es im Stück, in dem es verflucht oft „oder“ heißt – „Oder sie filmen seinen Sprung und Iggy Pop fällt natürlich zu Boden. Und wenn das passiert, war auch keine Atmosphäre da, wie man sie eigentlich von Rockkonzerten kennt.“

980.000 Enden für nur ein Leben

Der Schauspieler Fabian Hinrichs tappt barfuß mit umgeschnalltem Wohlstandsspeck in Achten über die Bühne, zupft alle paar Schritte am T-Shirt und überlegt sehr gründlich, ob er überhaupt erst hingehen soll, zu diesem Iggy-Pop-Konzert, oder ob er einfach zu Hause auf die Liebe seines Lebens warten und, falls sie nicht kommt, „Robocob“ gucken soll. Oder ob er, falls sie doch kommt, mit ihr zusammen „Robocob“ guckt, weil das auch ihr Lieblingsfilm ist, bis mitten in der Nacht ihr tätowierter Freund anruft und ein Kind von ihr will.

Fabian Hinrichs tappt und zupft und klamüsert die Möglichkeiten auseinander, die sich hinter jedem Oder, nach jeder kleinen „Kackentscheidung“ auftun und seinem Leben jeweils eine andere Richtung geben könnten. Mit der Entscheidung, ob er zu dem Konzert geht oder nicht, „fächert sich mein Leben in 127 bis 1090 Stränge auf, mit insgesamt 980.000 unterschiedlichen Enden. Aber wie es aussieht, haben wir nur dieses eine Leben.“

Kostbare Sache. Da möchte man nichts dem Zufall oder gar dem Schicksal überlassen. Vielleicht lieber dem Algorithmus einer Social-Media-Kontaktbörse wie Tinder oder Gleichklang.de. Der Server wird schon was Passendes finden – entweder es matcht, oder es matcht nicht. Und damit man was Schönes abkriegt, pimpt man sich im Fitnessstudio für das Tinder-Profilbild auf. Aber ach! Alle sind bei Tinder. Alle gehen ins Fitnessstudio. Alle laufen als Versprechen durch die Welt. Und alle werden dann doch älter und finden sich auf irgendeinem Lebensstrang wieder, für den sie sich nie entschieden hätten. Aber dann ist es zu spät. Und dann wird gejammert!

Aber bestimmt nicht auf so geduldige und schöne Weise wie Fabian Hinrichs zu jammern versteht. Jeder Satz ist ein Lamento aus tiefstem Herzen und mit letzter Kraft: „Du warst so schön! Du warst so schön! Du warst so schön! Und ich auch! Wir waren so schön! Komm zurück! Komm zurück! Es gibt kein Zurück! Es gibt kein Zurück!“ Am schönsten sind bei Hinrichs die o’s in „so“.

Wie ein klagender Schamane lässt er sie aufsteigen, als einen Schwarm von greisen Flughunden, die in der Abenddämmerung noch traumtrunken ihren heimischen Schlafbaum verlassen und über seinen Wipfeln ein paar Abschiedsrunden drehen, bevor sie zur letzten vergeblichen Nachtjagd aufbrechen, wissend, dass sie nie wiederkommen werden. „Wir waren soo00OO0o schön!“, „Es ist soo00OO0o lange her!“ „Es geht soo00OO0o schnell!“, „Es ist soo00OO0o traurig!“.

Und damit nicht nur getappt, gezupft und gejammert wird im leeren, mit schwarzem Lametta verhängten Bert-Neumann-Bühnenrund, springen fünf blaue Leute herbei und tanzen rumpelig, aber enthusiastisch ein paar „Rest-Zeit-Story“-Choreographien. Hinrichs richtet einen ohrlosen einäugigen, zum Liebhaben zu monströsen Sieben-Meter-Luft-Teddy mit der Aufschrift „No Fear“ auf, legt eine Kostümwechselnummer hin und singt zum Schlussvorhang (sic!) ein variiertes Sinatra-Medley: „I did it your way“ und „I want to wake up in a city that sleeps. It’s up to you, Schweinfurt, Schweinfurt“.

Was soll man auch in New York? Warum nicht zu Hause allein vor sich hinleiden?

Weil es matcht in der Volksbühne. Und nach einer guten Stunde lustigen Leide-Theaters ist man rechtzeitig genug wieder daheim im eigenen Kummer.

Volksbühne Berlin: 1., 8. Juli. www.volksbuehne-berlin.de

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