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Die Perser: vorne die Wehklagenden, hinten der jammervolle Rest von Xerxes? Heer.

"Die Perser" im Schauspiel Frankfurt

Der Lärm des großen Leids

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"Die Perser": Ulrich Rasches imposantes Aischylos-Massiv ist am Schauspiel Frankfurt angekommen.

Der Krieg ist laut, die Wehklage ist laut. Der Krieg dauert, die Wehklage dauert länger. Auch in Frankfurt ist Aischylos nicht zum Pazifisten geworden. Der Punkt ist: Wer einen Krieg führt, den er nicht gewinnt, hat einen furchtbaren, furchtbaren Fehler gemacht. Die Frage, ob damit nicht jeder Krieg ein unkalkulierbares Risiko wird, lässt sich nach dem Desaster, das hier geschildert, dem Publikum entgegengedonnert wird, beantworten. So ist es, Griechen, sagt Aischylos, passt auf, macht diesen Fehler nicht, macht ihn nicht um eurer selbst willen. Bringt euch nicht in die Lage, in der eure Feinde sind.

Denn aus einer fesselnden Situation heraus kann er das erklären: Es sind seine eigenen Leute, die Griechen, die in einer – zur Entstehungszeit des Stückes (472 v. Chr.) erst wenige Jahre zurückliegenden – Schlacht (von Salamis) den angreifenden Persern eine verheerende Niederlage bescheren. Dies aufgrund ihrer Schläue, nicht ihrer militärischen Überlegenheit. Was für ein Triumph, wie kostet Aischylos ihn – wohl gemeinsam mit seinem griechischen Publikum – aus, zelebriert ihn, dehnt ihn. Kein Grieche kommt ins Bild, die Rede der bestürzten Gegner (wie haben die das geschafft? wieso haben sie gewonnen, obwohl wir so viele waren und viel mehr Boote hatten?) sagt mehr als tausend feiernde Sieger. Ein Meisterwerk der Propaganda, das zugleich vor Propaganda warnt. Und vor Dummheit, Unerfahrenheit, Leichtsinn. In der Tat: Wie konnte Xerxes das passieren?

Ulrich Rasches Salzburger „Die Perser“-Inszenierung, wahrhaftig ein In-Szene-Setzen, ist jetzt von den Salzburger Festspielen (s. FR v. 20. August) nach Frankfurt geschafft worden. Eine Koproduktion, die im Schauspielhaus, geräumiger als das Salzburger Landestheater, noch naheliegender ihre wuchtige Wirkung entfaltet. Auch wenn die vordere der beiden Scheiben weniger tief in den Zuschauerraum ragen muss und die Musiker bequem Platz finden. Zudem fehlt der Kontrast zur schmucken Atmosphäre mit nett verzierten Rängen. Im schwarzen, kargen Schauspielhaus Frankfurt ist eine Rasche-Produktion kein Eindringling, sondern am Platze. Das begann mit „Dantons Tod“ (2015) und „Sieben gegen Theben / Antigone“ (2017) schon unter Oliver Reese und setzt sich unter Anselm Weber glücklich fort.

Obwohl von Glück in engerem Sinne wenig Rede sein kann. Im Gegenteil ist die Rasche’sche Wucht diesmal so groß (und andauernd, am Ende doch fast vier Stunden, am Ende auch quälend, wenn alles gesagt ist, und die Leidenden natürlich dennoch nicht aufhören können zu klagen), dass sie auf ein darauf nicht unbedingt vorbereitetes Premierenpublikum treffend, dieses in nicht ganz geringen Teilen in der Pause in die Flucht schlagen konnte. Passt zum Thema, ist aber schade.

Klare Verhältnisse auf zwei rotierenden Rasche-Scheiben, die hintere auch in gefährliche Schräglagen zu stellen. Auf der vorderen Scheibe Valery Tscheplanowa, Katja Bürkle als Chor des Ältestenrats und Patrycia Ziolkowska als Königsmutter in Schwarz und in ewiger, lähmend langsamer Rotation, gegen die sie ewig, lähmend langsam anschreiten, um auf der Stelle zu bleiben. Hinten 15 junge Männer, Xerxes’ Armee, Rasches Chor, mit Riemen und sonst wenig gerüstet (Kostüme: Sara Schwartz), angeseilt an die dramatischer sich drehende Scheibe. Noch dramatischer nur die aus dem Dunkel sich jeweils herausarbeitenden scharfen Ausleuchtungen (Licht: Johan Delaere) und die ohne Unterlass an- und gelegentlich abschwellende Schlagwerk-dominierte-Musik von Ari Benjamin-Meyers, auf der Bühne angeleitet von Nico van Wersch. Zwei Sänger kommen noch dazu, Guillaume François und Arturas Miknaitis, die sich ins Geschehen mischen, also ins Auf-der-Stelle Treten. Bei näherer Hinsicht ist das kein Marschieren, es ist ein beherztes Schleichen, Zehen zuerst. Eine totale Defensive, während es vorwärts geht, wie auch die Männer skandieren: „Vorwärts!“

Das Übel, das ist wichtig, ist bereits passiert, jetzt geht es nurmehr darum, dass die schlimme Nachricht überbracht und ausführlich kommentiert wird, auch vom schockierten Geist des großen Dareios, Verlierer Xerxes’ Vater – als wäre Aischylos klar, dass das alles noch schlimmer macht, die Schande. Valery Tscheplanowa schlüpft in die Rolle, den bloßen Oberkörper mit weißer Farbe angeschwappt. Keiner kann wissen, wie Geister aussehen, und die drei Frauen bekommen jedenfalls weit mehr individuellen Spielraum als die Männer hinten.

Im Rhythmus deklamieren, klagen, schreien, die Wörter dehnen müssen alle, ob im Chor oder allein, dem Krieg und dem Schicksal – den eigenen Fehlern – ausgeliefert beziehungsweise dem Formwillen des Regisseurs Rasche. Das ist bei Rasche immer eine Setzung, den Schauspielerin und dem Publikum gegenüber. Eine Zumutung, auch das, nicht nur, weil es so laut ist, sondern auch, weil es ein Massiv ist, das offenkundig mit und ohne uns da wäre. Im Falle der „Perser“ bekommt das eine besondere Stringenz: Ohne einen Tropfen Blut – dafür mit einigen Tropfen Schweiß und etwas schwarzer Farbe – und ohne offene eigene Kommentierung jenseits eines völligen Sich-Einlassens auf Aischylos wird die monströse Mechanik der Situation offengelegt.

Alles ist dabei verstärkt ins Bombastische, ohne Scheu vor Schauwerten und Hollywood-Pathos. Das gefährlich Martialische, das Verführerische der Stunden vor der Schlacht, in denen Mumm und Gehorsam reagieren, wird aber von den Tatsachen überrollt. Schließlich sind es Tote, die uns (in Durs Grünbeins Übertragung) entgegenbrüllen „Und morgen gehört uns Griechenland“.

Rasche steckt den Abend in sein Korsett. Dass er dem Publikum, sofern es durchhält, gerade dadurch Platz lässt, selbst seine Schlüsse zu ziehen: Imposant.

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