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Christina Weiße als Branka.

„Stimmen der Stadt“

Das Lächeln der Mütter

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Monologe von Antje Rávik Strubel, Thomas Pletzinger und Angelika Klüssendorf setzen die Frankfurter „Stimmen der Stadt“ fort.

Das Projekt „Stimmen der Stadt“ gehört zu den reizvollsten Ideen, die das Schauspiel unter Anselm Weber ausgeheckt hat, in diesem Fall zusammen mit dem Literaturhaus Frankfurt. Denn bisher theaterferne und nicht einmal notwendigerweise frankfurtnahe Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind es, die hier dazu angeregt werden sollen, Menschen dieser vollgestopften, unruhigen Stadt in jeweils etwa einstündigen Monodramen zu Wort kommen zu lassen. Die künstlerische Freiheit, nehmen wir doch an, ist dabei voll gegeben. Darum kraxelte in der ersten Runde ein Betrunkener am Eurozeichen gegenüber dem Theater herum (in Teresa Präauers Beitrag). In den ersten drei Spielzeiten Webers sind insgesamt neun Folgen geplant. Auf Wilhelm Genazino, Olga Grjasnowa und Präauer folgten jetzt Antje Rávik Strubel, Thomas Pletzinger und Angelika Klüssendorf.

Das ist schon ein Aufwand, und Weber selbst inszeniert, und die Schauspieler schmeißen sich voll rein, und es ist irritierend, aber auch logisch, dass trotzdem nicht sehr viel dabei herauskommt. Bei Runde 2 zeigten sich ein paar besonders einleuchtende Gründe dafür. Es ist ein Mangel an Dramatik in Texten, die nicht von Dramatikern geschrieben sind. Es liegen Vorteile, dann aber Nachteile darin, dass echte Menschen hinter den jetzt jedoch eindeutigen Theaterfiguren stehen – so wird es auch gespielt –, die ehemalige Chefin des Hotels Nizza oder eine gutgelaunte Bergener Wirtin erkenn- oder ergoogelbar sind. Auch den Anwalt wird es geben. Sie bleiben nun in der leicht faden Zone zwischen Dokumentation, Literatur und Theater stecken. Es fehlt sowohl die rigorose Authentizität als auch die Kühnheit der Fiktion. Drei Lebensgeschichten, die respektabel davon handeln, sich aufzurappeln, sich selbst einen Entwurf und eine Zukunft zu geben. Aber das Individuelle daran wirkt auf der Bühne wie ein Konstrukt.

Bei der marathonartigen Premiere mit allen drei Monologen läuft dazu noch der Zufall der Gesamtdramaturgie zuwider, dass Strubel und Pletzinger eine dermaßen ähnliche Form gewählt haben: eine formal nicht sehr ehrgeizig wirkende Form, in der Rückblenden schroff in eine Erwartungen weckende, dann aber aus Theaterstücksicht nicht allzu zwingende Gegenwart geschnitten werden. Wie überhaupt das Erzählerische kürzer kommt als die Textmenge. Natürlich hängt das auch mit dem Anstand zusammen, bei einer Uraufführung dem Geschriebenen Gelegenheit zur Entfaltung zu geben.

Die Grundbühne bliebt bestehen

Ja, diese Gelegenheit bekommen die Texte wirklich. Philip Bußmanns Grundbühne war schon vor einem Jahr im Einsatz. Der weiße, sich nach hinten unbegehbar verengende Gang ist nun rechts und oben etwas aufgeklappt. Jeweils eine einzige, eindrucksvolle Kamerafahrt, am Anfang und am Ende auf dem weißen Vorhang, während des Stückes als Standbild auf einem Bildschirm zu sehen, führt zum Ort des jeweiligen Monologs. Dazu ein dezenter Jingle von Thomas Osterhoff und wenige Requisiten, die eine oder andere Zigarette, eine puristische Situation.

Peter Schröder ist der Strafverteidiger Andreas Sternthal in Strubels „Unvollkommene Umarmung“. Den mit Abstand längsten Part, fast anderthalb Stunden, meistert er mit einem Irrwitz an Konzentration, der Figur drückt er den Schröder-Stempel auf, dessen markantester Bestandteil ein unfassbar offenes und doch hintergründiges Lächeln ist, das sich zum Lachen erweitern kann. Es ist so freundlich, und man merkt immer erst hinterher, dass man der Figur damit keinen Schritt näher gekommener.

Es geht um vieles, Sternthals kleinbürgerliche Herkunft und Homosexualität, das Wunder, ein älteres Ehepaar kennengelernt zu haben, das ihm das vermisste Zuhause und eine berufliche Heimstatt gibt. Sternthal schimpft wie vermutlich alle Juristen über das Justizsystem, wie vermutlich alle Verteidiger über die Staatsanwälte. Er präsentiert sich in kurzen unvermittelten Rückblenden als smarter Anwalt.

Eine Dreiecksbeziehung zu zwei ganz unterschiedlichen Männern deutet sich an, der Wunsch, das gemeinsam erleben zu können. Die literarische Überhöhung dieser titelgebenden Passage und das Private stoßen unglücklich aneinander: „Wenn nur zwei sich umarmen, bleibt der Rücken kalt. Das wisst ihr. Beide wisst ihr das. Der Rücken ist kalt. Ungeschützt in einer unvollkommenen Umarmung.“ Selbst wenn Andreas Sternthal es auch im wirklichen Leben so sagen sollte und selbst wenn es in einer Erzählung vielleicht eigenwillig wäre und obwohl Schröder Zurückhaltung walten lässt, wirkt es auf der Bühne hochgestochen und banal zugleich.

Die berührende Schilderung der sterbenden Mutter teilt „Unvollkommene Umarmung“ mit „Ich verlasse dieses Haus“. Merkwürdige Koinzidenz – und sie lässt einen nicht kalt –, dass in allen drei Monologen das Lächeln und Lachen von (inzwischen nicht mehr lebenden) Müttern eine herausragende Rolle spielen. Anne Kubin ist in Pletzingers Text die scheidende Hotelinhaberin Usch. Mit metallisch wohlklingender Stimme und in einem nüchternen, manchmal ins Zynische tendierenden Grundton erzählt sie von ihrer glücklichen Kindheit, vom spät eröffneten Hotel der Eltern, von der Entscheidung, es nach einem Schlaganfall der Mutter selbst weiterzuführen. Rasch wird es anekdotisch. Viele Hotelgäste sind unmöglich und machen ins Bett, wir haben es geahnt. Dazu ein privater Soundtrack mit den entsprechenden LPs. Dass die Songs bequem, aber auch dürftig mit dem Smartphone angespielt werden, erzählt mehr über den Wandel der Zeiten, als das, was Usch übers Bahnhofsviertel zu sagen weiß.

Waage zwischen Klischee und Individualität

Christina Geiße ist die Wirtin Branka in Angelika Klüssendorfs „Branka“ und hält gut die Waage zwischen Klischee und Individualität. Branka stammt aus Ex-Jugoslawien. Einer bitteren Kindheit und Jugend auf dem Lande entrinnt sie schließlich, indem sie ohne Rückhalt nach Frankfurt am Main reist (wegen des Flusses im Namen). Sie schlägt sich mehr schlecht als recht durch, jetzt aber hat sie ihr eigenes Butzenscheiben-Lokal mit traditioneller Frankfurter Speisekarte (Frankfurter Küche und ein bisschen Balkan). Hier trinken sich die Stadtschreiber von Bergen-Enkheim die Hucke voll und fragen ihr Löcher in den Bauch.

Klüssendorf, 2013/14 selbst Stadtschreiberin, weiß, wovon Branka da spricht und findet eine gewitzte Form dafür, die mit Abstand gewitzteste des Abends. Als Stimme von weit oben (und zwar die von Katharina Linder) stellt eine Stadtschreiberin mehr oder weniger gescheite Fragen. Branka kennt sie schon, mag nicht, kommt sich uninteressant vor und doch alsbald ins Plaudern. Dabei stellt sie müßig Stühle zusammen (die Herausforderung, Schauspieler beim Monologisieren zu beschäftigen, wird nur halbwegs befriedigend gelöst). Branka reagiert empfindlich auf Zuschreibungen oder bedient sie sentimentalisch-ironisch, Geiße trägt dazu ein ausgesuchtes Raubtierglitzershirt zur geblümten Küchenschürze (Kostüme: Mareike Wehrmann).

Und Frankfurt? Die scheidende Hotelchefin Usch „würde die Stadt auf alle Fälle (und erstaunlicherweise, d. Red.) männlich denken. Deutsch. Piefig“, und: „Ganz so entspannt und relaxt, wie es tut, ist Frankfurt nicht.“ Der Rest sind Bankentürme, Bahnhofsviertel, Grüne-Soße-Regularien und die irrsinnige Annahme, außerhalb der Innenstadt werde es direkt gemütlich.

Fortsetzung folgt.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: „Unvollkommene Umarmung“ am 18. April. „Ich verlasse dieses Haus“ und „Branka“ am 13. Mai. www.schauspielfrankfurt.de

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