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Lady Macbeth, Cornelia Beskow, im Kohlenkeller.

Staatstheater Wiesbaden

„Lady Macbeth von Mzensk“: Ein Ort des Trübsinns

  • vonBernhard Uske
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„Lady Macbeth von Mzensk“ am Wiesbadener Staatstheater. Hinter den Kulissen platziert: das vom Mischpult aus geschickt beigesteuerte Orchester.

Schütter besetzte Orchestergräben müssen nicht das letzte Wort in der Corona-Krise sein, wie sich jetzt bei der Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ am Wiesbadener Staatstheater zeigte. Generalmusikdirektor Patrick Lange stand an gewohnter Stelle, aber mutterseelenallein. Konfrontiert nur von großen Lautsprechern und via Bildschirm und Kamera mit seinem unsichtbaren Orchester verbunden.

Das saß, wie sich zuletzt beim Heben der Bühnendekoration erwies, hinter den Kulissen, wo Co-Dirigentin Christina Domnick den Orchesterpart betreute, derweil Lange die elektro-akustische Emission mit dem auf der Bühne agierenden Ensemble koordinierte. So müssten jetzt neben den beiden auch die für das klingende Endresultat wichtigen Namen ganz vorne stehen, die auf dem Programmzettel aber nur unter ferner liefen zu finden waren: die am Mischpult alles entscheidenden Stefan Cremer und Christian Peters. Deren Können war der präsente, volle und helle Klang zu danken, den so gleichmäßig im Haus verteilt die Bodenspalte zwischen Bühne und Zuschauerraum nicht bieten könnte.

Zumal bei den markanten Beiträgen des Komponisten zu einem futuristischen Klangbrutalismus, die bei den Auspeitschungen des Herrn Schwiegervaters und den Morden und den Beischlafen der Lady Macbeth (keine Angst: in der hessischen Kurstadt ist sie letztlich eine herzensgute, starke Frau) den nachhaltigsten Eindruck machen. Gegenüber den an den Hörnerven zerrenden Rotationen der heißlaufenden Kopulations- und Füsiliermaschine (das Orchester wie entfesselt) blieb die spöttische, operetten-, choral- und marschmusikhafte Idiom-Häckselei Schostakowitschs eher unspezifisch.

Immerhin: ein weiterer Schritt ist hier auf dem Weg der Gattung Oper in ihre Simulation getan, der mit der immer dominanter werdenden Präsenz von Film und Video auf den Bühnen begonnen hatte.

Von Letzterem hielt sich die Inszenierung Evgeny Titovs allerdings fern. Man agierte auf karger Bühne (Christian Schmidt), die Trübsinn verströmen wollte, einer Mischung aus leerem Viehstall und, später halbbefülltem, Kohlenkeller, was den allmählich zündenden Sprengsatz des Zusammenbruchs der Mzensker Kaufmannsfamilie gleich vorwegnahm. Als einziges nennenswertes Requisit spielt eine Dusche ihre Rolle als Kopulations- und Hinrichtungsstätte.

Benutzer von Operngläsern kamen durchaus auf ihre Kosten bei einer groß aufgezogenen Gang bang-Szene, wo die kritische Heuchelei mit dem schlimm gemeinten Vorgang zugleich das Vorzeigen schönen jungen Fleischs ermöglichte. Die Szenen hinter dem Duschvorhang wie aus der pornografischen Wunderkammer – nicht schlecht passend zu den pornophonen Beiträgen des Komponisten, die insgesamt durchaus einen verklemmten und puritanischen Geist atmen.

Die sarkastischste Szene fehlt

Ziemlich hoch war das sängerische Niveau: sehr schön, volumenreich und offen die Stimme Cornelia Beskows als Lady Macbeth, exzellent stimmlich und darstellerisch Andrey Valentiy als Schwiegervater, weniger viril, aber stimmlich höchst präsent Aaron Cawley als Liebhaber Sergej. Insgesamt ein auch in kleineren Rollen treffliches Ensemble. Die elektro-akustische Projektion macht hier natürlich letzte Aussagen hinfällig. Der von Andrea Schmidt-Futterer variantenreich kostümierte Chor war sehr gut. Gestrichen hat man das gesamte Polizeirevier-Geschehen, Schostakowitschs sarkastischste Szene.

Staatstheater Wiesbaden: 15., 25. Oktober, 4., 7., 12. November. Die Vorstellung am 10. Oktober fällt aus. www.staatstheater-wiesbaden.de

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