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Klischat und Mania.

"Indien" in Darmstadt

Labbedudel & Dabbes

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Josef Haders und Alfred Dorfers "Indien" auf Hessisch im Darmstädter Staatstheater.

Da ist dieser Moment, in dem die Stimmung kippt. In dem die Tragik die Komik vollends verdrängt und die letzten kläglichen Versuche des sterbenskranken Fellner (Florian Mania), seine Verzweiflung mit Galgenhumor zu überspielen, gescheitert sind. Im Kleinen Haus des Darmstädter Staatstheaters ist es in diesem Augenblick totenstill. Keiner lacht mehr über das schräge Paar, das die Handlung von „Indien“ bis hierhin locker getragen hat.

Trotz des Titels ist das von den beiden Österreichern Josef Hader und Alfred Dorfer verfasste und 1993 von Paul Harather verfilmte Theaterstück tief in der deutschsprachigen Provinz verankert. Regisseur Mathias Znidarec hat es für die Inszenierung in seiner Heimatstadt von David Gieselmann ins Hessische übertragen und mit zahlreichen Zeitbezügen modernisieren lassen. Das bietet sich an und funktioniert, weil der im Original verwendete Dialekt des Nachbarlandes hierzulande nicht leicht verständlich ist und die Bodenständigkeit nicht verloren geht, sondern noch hervorgehoben wird.

So klappern die beiden Abgesandten des Fremdenverkehrsamtes, die die Gastronomie- und Hotelbetriebe im Umland auf ihre Qualität hin prüfen sollen, das südliche Rhein-Main-Gebiet ab, besuchen Urberach und Waldmichelbach, essen Schnitzel und loben die Grie Soß. Zudem beschimpfen sie einander in breitestem Dialekt als „Labbedudel“ und „Dabbes“.

Sie können anfangs nicht viel miteinander anfangen, der aufstrebende Fellner, der gern „schwätze tut“, und der grantelnde, wortkarge Bösel (Christian Klischat), der vor nichts und niemandem Respekt hat, weder seine Fremdenfeindlichkeit noch seine Abschätzigkeit Frauen gegenüber verbergen will. Doch mit der Zeit kommen die Nervensäge und der Unsympath einander näher, und ein Schicksalsschlag, die Diagnose einer unheilbaren Krebsform bei Fellner, schweißt sie noch enger und zu wahren Freunden zusammen.

Der Bruch zwischen den beiden Handlungsteilen wird im Bühnenbild deutlich. Silke Bauer hat den Hintergrund mit einer öden Landschaft und lokalen Wegweisern versehen. Ein Teil lässt sich wie eine Garage öffnen und gibt den Blick frei auf einen Tresen, hinter dem hervor ein Wirt und zwei Bedienungen treten, die mit Stühlen, Tischen sowie ein paar Deko-Elementen und Handgriffen immer wieder unterschiedliche Schankräume zaubern, in denen die Herumreisenden mehr dem eigenen Vergnügen als der Arbeit frönen. Dazu plärrt aus einem alten Transistorradio passende Musik. Später wird ein Vorhang runtergelassen, ein Krankenbett hineingeschoben. Die Zeit des unbeschwerten Sichgehenlassens ist vorbei. Der Gedanke an ein besseres Danach, ein „Indien“, hält Fellner aber noch lange aufrecht.

Die Synthese aus Komödie und Drama ist nicht leicht zu verdauen. Derb und bissig, aber nur allzu menschlich sind die Protagonisten gezeichnet. Fellner wird etwas zu sehr ins Lächerliche gezogen, was ihn lange Zeit witzig, den Übergang ins Ernste später jedoch noch schwerer macht. Zumal, anders als im Film, kein akuter Anlass die Einlieferung ins Krankenhaus erklärt und das Klinikpersonal sich pantomimisch um Heiterkeit bemüht. So geht am Ende alles etwas schnell und das Schicksal des Sterbenden nur kurz nahe.

Staatstheater Darmstadt:
6., 12., 27. Dezember.
www.staatstheater-darmstadt.de

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