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Anja Kampe demonstriert sehr schön, dass der niedliche Name Minnie ein Witz ist. Martin Sigmund
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Anja Kampe demonstriert sehr schön, dass der niedliche Name Minnie ein Witz ist. Martin Sigmund

Staatsoper Berlin

„La fanciulla del West“ in Berlin: Eine Frau geht ihren Weg

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Puccinis „La fanciulla del West“, aufwendig inszeniert von Lydia Steier in der Berliner Staatsoper

Der Theaterjubel, der in diesen Tagen trotz auflagebedingt schütter besetzter Säle bei allen sich bietenden Gelegenheiten ausbricht, ist zugleich immer ein „Hurra, wir sind noch da, und Ihr seid auch noch da“. Das beruht auf Gegenseitigkeit, und angesichts des auf seine Weise sehr leidenschaftlichen Trios Anja Kampe, Michael Volle und Marcelo Álvarez war der Applaus auf der Bühne der Berliner Staatsoper ebenfalls erheblich. Eine sympathischere Gelegenheit, sich gegenseitig zu beklatschen, ist nicht denkbar, denn nicht Selbstzufriedenheit, sondern Erleichterung regiert. Und diesmal noch dazu in einer Oper, die wirklich gut ausgeht. Unerwarteterweise.

Giacomo Puccinis „La fanciulla del West“, „Das Mädchen aus dem goldenen Westen“, ist unbekannt genug, dass im Rang darüber spekuliert wurde, ob Dick Johnson den Bauchschuss wohl überlebt habe. Hat er. Und Minnie wird ihn erneut retten. So ist Minnie. Minnie ist eine Tosca in Jeans und Hemd, und sie kennt sich besser aus in der Welt – ohne sich dessen bewusst zu sein. Toscas Welt der Oper, des Theaters, der Kunst ist ihr völlig fremd, und sie fühlt sich überhaupt nicht hochdramatisch. Sie ist pragmatisch, und sie hat im entscheidenden Augenblick ein As im Ärmel, Dekolletee oder Strumpfband, je nachdem, was das Kostüm ihr zur Verfügung stellt in jener Szene, die so sehr an Scarpia und Tosca im Palazzo Farnese erinnert, dass es wie eine späte Genugtuung wirkt. Es spielt Minnie in die Karten, dass Jack Rance, der Sheriff, der in Volle in der Tat stimmliches Scarpia-Format hat, ein Gentleman ist. Als Verlierer der Pokerpartie auf Leben und Tod zieht er sich stante pede zurück.

Man muss vermuten, dass Minnie im umgekehrten Fall (dass ihr Spielbetrug also misslänge) sich nicht in ihr Schicksal ergeben hätte. Vermutlich würde sie, ganz gegen ihre Natur, Jack Rance erschießen, mit ihrer absurd winzigen, aber funktionstüchtigen Damenpistole. In der Berliner Staatsoper ist das jetzt eine der spannendsten Szenen: Kampe und Volle im Kartenduell, Kampe, die unter dem Strich fabelhaft die stimmliche Brachialität der Minnie-Rolle (der niedliche Name in dieser Hinsicht ein Witz) in den Griff bekommt und zugleich eine flattrige junge Frau sehen lässt – ihre Hände zittern so, dass es keiner übersehen kann außer Jack Rance –, und Michael Volle, dessen Rance ein veritabler Jack Nicholson ist. Oben auf dem Dachboden blutet der arme Tenor vor sich hin, es ist ein Jammer, aber ein Glück, dass er nicht stirbt, denn Álvarez singt sich im Verlauf des Abends in große Form hinein.

Vielleicht ist die Intensität ein Hinweis darauf, dass das Intime der Aufführung bekommt. Denn an sich geht Regisseurin Lydia Steier in die Vollen, wie auch Dirigent Antonio Pappano. Letzterer dirigiert einen zunächst regelrecht erschreckend lauten, dann das Unebenmäßige keineswegs glättenden Puccini, wobei er zugleich die Aufgabe hat, das in die Seitenlogen hinein verteilte Orchester zu koordinieren. Verwendung findet die reduzierte Orchesterfassung von Ettore Panizza (von 1911, ein Jahr nach der Uraufführung entstanden). Es ist schwer zu beurteilen, ob das zur Schroffheit des Klangs beiträgt, einer Schroffheit, die Reiz hat.

Auch Steier denkt groß, aber anders. Ihre Inszenierung gibt sich eigentlich ganz der Handlung hin, aber das Ergebnis ist süßer als der Klang, und als fiele ihr das zwischendurch auf, baut sie ein paar krasse Gewaltszenen – brennende Menschen darunter – ins fast dauerhafte Abendrot ein. Der Wille zur Authentizität und der Zug zum Dekorativen geraten schon in einen Widerstreit, aber Kontraste sind jedenfalls geplant. Den erbärmlich lebenden Goldgräbern, die eben noch fix einen Mann aufgehängt haben, wird zum langen Chor-Beginn auch eine kleine, nein, ganz schön große Las-Vegas-Show geboten. Amerikanerin Steier könnte ein verallgemeinertes Amerika im Sinn haben, das in dieser Verallgemeinerung natürlich auch ein totales Klischee ist. Vertreten, noch bevor sich der Vorhang hebt, durch einen sehr großen Büffel und ein sehr kleines Kind, eine popcornkauende Zuschauerin.

Ausstatter David Zinn hat für Minnie eine rollende „Polka“-Bar hergestellt. Drumherum Biertische, hinten Landschaft, die in die Gegend gestellte Riesenreklame einer Revuetänzerin und viel schön verfärbter, von Wolken durchzogener Himmel. Die Goldgräber im Melting Pot bieten kultivierten Gesang und wüste Schlägereien, was auf der Opernbühne doch schwieriger ist als im Western, auch wenn das sorgfältig vorbereitet wurde. Minnies treuer Angestellter Nick, Stephan Rügamer, ist ein freundlicher Transvestit. Aus dem indigenen Paar, im alten Textheftchen noch bedenkenlos als „Rothäute“ bezeichnet, wird hier White Trash, das penetrante „Howgh“ Wowkles (von Puccini selbstverständlich nicht penetrant gemeint, sondern: exotisch, authentisch) transformiert Natalia Skrycka in ein Hicksen, denn der drogenabhängigen Schwangeren ist offenbar ständig übel. So nimmt Steier einige Hürden mit Geschick.

Für den mittleren Akt zeigt sich Minnies bescheidene Hütte als Ausschnitt in einer bühnengroßen Holzwand. Außen auf der Wand ein sich ins Irre steigernder digitaler Schneesturm, drinnen Minnie und Dick, Minnie und Jack Rance so emotionsgeladen, wie es der Inszenierung sonst trotz des Aufwands nicht gelingt. Ein Aufwand, der sich nicht allein in Effekten verliert, sondern auch das Personal tüchtig in Gang setzt. Es gilt Leitern hoch- und runterzuhuschen und mit Waffen zu fuchteln, gerade der Tenor muss einiges über sich ergehen lassen, und Steier bemüht sich erfolgreich um geschmackvolle Lösungen. Vielleicht fehlte es dann an Zeit, noch einmal über den großen Eindruck nachzudenken, und über das trotz des nun besonders roten Abendrots etwas ratlos wirkende Ende.

Staatsoper Berlin: 16., 19., 24., 27. Juni, 3. Juli. www.staatsoper-berlin.de

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