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Extravaganter Federschmuck, exaltierte Figuren.

Schauspielhaus Frankfurt

Die kurze pausenlose Hölle

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Unverbindlicher Trost: Johanna Wehner zeigt Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ am Schauspiel Frankfurt.

Dass die Hölle die anderen seien, ist in einer säkularisierten und überfüllten Welt erst recht zum Allgemeinplatz geworden, ein kleiner gemeinsamer Nenner unter Kennerinnen und Kennern. Dabei sind Zweifel am Platze, keine sehr großen, aber groß genug und gespeist aus der Komplexität der menschlichen Lage. Die menschliche Lage, indem der Mensch zugleich in der Lage ist, sich dieser zumindest halbbewusst zu sein, hat einen Zug ins Ungeheuerliche.

Die anderen – und so hieß Jean Paul Sartres später „Huis clos“ (auf Deutsch heute in der Übersetzung von Traugott König von 1985 unter „Geschlossene Gesellschaft“) genanntes Stück auch ursprünglich – sind dabei ein wesentliches Element. Aber sogar diese Erkenntnis bringt das gesellige Wesen Mensch den Artgenossen ja näher: die Klage darüber, das Nachdenken und Staunen, die Vermutung (und vielleicht Erleichterung darüber), dass das nicht das letzte Wort und das Alleinsein eine eingebildete Lösung ist. Auch wenn Sartre die Furcht davor der sogenannten oberflächlichen Figur des Stückes, Estelle, mehrfach in den Mund legt. Und was glauben Sie, wie oft Sie das jetzt in der Inszenierung am Schauspiel Frankfurt zu hören bekommen werden, wo Johanna Wehner ihrer Neigung zu Wiederholungsschleifen ausführlich Raum gibt.

Wichtige Sachen werden so oft wiederholt, dass wirklich kein einziger Mensch auf der ganzen Welt sie verpassen und zum Beispiel versehentlich für nicht so wichtig erachten kann. Es ließe sich über ein Textloop-Moratorium fürs Sprechtheater nachdenken, einfach, um einmal zu schauen, ob Dringlichkeit sich nicht doch auch auf anderen Wegen vermitteln lässt. Zumal sich die Dringlichkeit nicht mehr einstellt. Nur mehr die Wiederholung als solche.

Höllisch, klar, kann man so sehen. Es hat eine ironische Seite, dass in Wehners Fassung ebenso die Pausenlosigkeit als fatale Eigenschaft der Hölle so oft wiederholt wird. Auch im Schauspielhaus sitzt man fest, allerdings am Ende nur 105 Minuten lang. Ironie, die sich gegen eine Inszenierung wenden könnte: möglich, aber riskant.

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Viel interessanter ist nun, dass auch Wehner von vornherein ein Grüppchen auf die Bühne schickt. Die anderen (also die Hölle) loswerden zu wollen, ist eine reine Behauptung, wenn sich die Figuren zugleich so wunderlich und dabei berührungslos zueinander fügen: Einzelwesen zwar, die aber schwarmartig aufeinander reagieren oder gelegentlich kuriose Minitableaus bilden, verbunden mindestens durch das gemeinsame Befremdetsein. Dies geschieht in einer extrem gestelzten, verrätselten Körpersprache. Sie hat ihren Reiz, selbst wenn es einem unangenehm sein kann, dass sie ebenso gut für eine Feydeau-Komödie zu verwenden gewesen wäre – was allerdings auch an den unwahrscheinlich ausgeflippten Kostümen von Ellen Hofmann liegen mag.

Die Umgebung: spektakulär genug, um das Vorantasten der Neuankömmlinge in der eindrucksvollen Eingangssequenz begreiflich zu machen. Die von Volker Hintermeier ausgedachte Hölle ist – als plausibler Ort der „Geworfenheit“, allerdings im krassen Gegensatz zu Sartres Idee von einem verdammt normalen Zimmer – ein längliches, sich verjüngendes Oktogon. Seine raumschiffhafte Form betont es durch mehrere entsprechend geformte Leuchtrahmen, die nach hinten immer niedriger werden (mit fatalen Folgen, siehe unten). Es ist finster, leer und unwirtlich und so vor die eigentliche Bühne des Schauspielhauses gesetzt, dass das wie immer eindrucksvolle Hochgehen des Eisernen Vorhangs jetzt das Öffnen einer gewaltigen Schleuse ist, durch die die vier eintreten.

Natürlich wollen sie nicht recht. Patrycia Ziolkowska als dominante Inès probiert den neuen Untergrund mit den Fußspitzen und zurückzuckend aus. Anna Kubin als Estelle passt mit ihrem extravaganten Federschmuck nicht durch die hinteren, zu niedrigen Rahmen. Schon ist sie beleidigt. Auch Matthias Redlhammer als Garcin ist bald und immer wieder beleidigt, eine etwas weniger exaltierte Figur, die die Zumutung der Situation umso einleuchtender machen kann. Heidi Ecks als Kellner, der sich hier als einziger auskennen müsste, lässt sich das zumindest nicht anmerken.

Wie die anderen hat sie etwas Somnambules und mehr noch etwas Dementes. Wenn die Wiederholungsschleifen einen Sinn haben, dann hier: Damit wir bloß merken, dass den vieren allmählich alles abhanden kommt, was einmal ihr Leben war. Nicht nur die Welt vergisst sie, sie selbst vergessen sich. „Ich bin“ gehört zu den am häufigsten wiederholten Wiederholungen. Das Vergessen bietet in der gegebenen Situation offensichtlich einen Trost, auf den Sartre mit gutem Grund verzichtet. In der Frankfurter Hölle wird es anders als in der Sartreschen so auch doch noch dunkel. Durch ein kaum wahrnehmbares, aber hier noch denkbar unangenehmes Flackern kündigt sich das früh an. Im Schlussbild herrscht geradezu ein milde goldenes Licht. Das ist etwas verblüffend. Die Fragen von Schuld, die Sartre hier (und damals im besetzten Paris von 1944) in Maßen komplex stellt, werden zügig und unverbindlich abgehandelt. Atmosphäre geht vor Schärfe.

Es gluckert und tropft in der Hölle, auch wenn es trocken bleibt. Die Musik von Felix Johannes Lange bietet zwischendurch kurze melancholische Spuren von Tanzbarem. Das Unbehagliche ist über weite Strecken größer als das Komödiantische, aber am größten ist die Elastizität der Körper und das Ausstellen darstellerischer Kunstfertigkeit, darunter auch neckische kleine Tölpeleien, als wären sie aus der Improvisation entstanden. Jetzt aber ist nichts mehr dem Zufall überlassen. Da der Text vor sich hinkreiselt, dehnt sich über die Zeit der Eindruck einer stimmungsvollen Dekoration aus.

Der existenziellste Augenblick, und das ist kein Spaß, war am Premierenabend der, in dem sich Johanna Wehner beim kräftigen Schlussapplaus den Kopf am hinteren niedrigen Oktogonrahmen anstieß, und zwar augenscheinlich ziemlich übel.

Schauspiel Frankfurt:Unter den zahlreichen Dezemberterminen gab es am Sonntag nur noch für den 2. und 9. Karten, dann wieder für den 4., 16., 19., 26. Januar. www.schauspielfrankfurt.de

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