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Vier Performer in "Warten auf Godot" ? Heiko Raulin über Max Mayer, flankiert von Samuel Simon (l.) und Isaak Dentler.

"Warten auf Godot"

Was so mit Kunst zu tun hat

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Schauspiel Frankfurt I: "Warten auf Godot" mit erheblichen Reizen, allerdings auch mit einer Menge Leerlauf.

In vielen Inszenierungen von Samuel Becketts „Warten auf Godot“ wünscht man sich vielleicht das erste Mal zurück. Wie sich die Bilder gleichen, wie sich die Eindrücke abwetzen, die Hüte, die Bäume, die Latschen, die Stricke, die Männer. Diesmal ist es anders, ein unakkurates Teil mit abwegigen Reizen, die aber – sofern man sich überhaupt darauf einlassen kann – voraussetzen, dass alle Bescheid wissen.

Würden Wladimir und Estragon, hätten sie einen Beruf, womöglich etwas mit Kunst machen? Auch am Schauspiel Frankfurt warten sie ewig auf Godot, aber ein künstlerischer Einfall käme ihnen womöglich noch mehr zupass. Während sich der Saal füllt, ist Samuel Simons Estragon schon da, zockelt nach hier, wartet dort, sagt gelegentlich ins Mikrofon: „Man kann nichts machen“. Isaak Dentlers Wladimir wackelt in ambitionierten, aber lebensuntauglichen Kugelmodellen von Bettina Werner herein, die auch Simon dann einmal probiert. Die Bühne von Regisseur Robert Borgmann ist hoch und museumsschick schneeweiß. Man trägt etwas luschig sitzende Andy-Warhol-Perücken. Es gibt einen Riesenpinsel, mit dem keiner viel anfangen kann, eine allmählich auseinanderglitschende Eisblockskulptur und eine transparente Riesenmatratze, auf der man hochgeschnickt wird wie weiland die von der Engelsburg springende Tosca im einschlägigen Sketch von Otto Schenk.

Den Baum gibt es auch, nur ein Stamm, aber weiß und bühnenhoch. Samuel Simon, schmaler Junge mit wiegenden Hüften und kokett freier Schulter unterm weißen Leibchen, kann ihn beeindruckend weit hochklettern und macht reichlich Gebrauch davon. An der linken Seite dauerhaft postiert: Philipp Weber mit Gitarre, der einen vor sich hinbrutzelnden elektronischen Dauer-Sound herstellt. Würde man sich für eine Vernissage auch buchen, wenn man so etwas machen würde, eine Vernissage.

Performance ist alles

An der weißen Wand in Neonröhrenschrift montiert: ein Satz aus Becketts „Molloy“, irgendwie sinnig, irgendwie lapidar und auch ganz schön, verkäufliche Kunst halt. In der Mitte der Rückwand ein Riesen-Smiley, der lächeln und böse sein kann. Am bösesten ist er, jetzt noch dazu knallrot, als Pozzo, Heiko Raulin, in die Galerie, also auf die Bühne kommt, Hose und Jacke in einen Eimer mit schwarzer Farbe tunkt und gegen die weißen Wände schlägt. Ein Berserker markiert sein Revier, und Pozzo ist noch härter drauf. Jetzt zieht er den tropfenden Anzug eiskalt an. Wladimir und Estragon, irgendwie bestürzt und irgendwie verlegen und auch ganz fasziniert, werden jetzt schier zu Kunsteventbesuchern. Schon haben sie ein schmuckes rotes Getränk im Sektglas. Dass auch Pozzos Farbgefetze heillos antiquiert ist, spielt offenbar keine Rolle, Performance ist alles. Pozzos Überlegenheit erwächst aus seinen Posen als Künstlerfürst und künstlerischer (Pseudo-)Dreinschlager.

Die handgreifliche Gewalt gegen seinen Diener/Sklaven/Begleiter Lucky hat hier entsprechend keinen Platz (vieles fehlt, sehr vieles). Max Mayer, von dem man automatisch einen Wahnsinnsauftritt erwartet, macht auch so gut wie gar nichts, was bei Max Mayer immer noch ansehnlich ist – da steht er und starrt und hat selbst eine kleine Performance in petto, bei der er eine weitere Riesenluftmatratze über die Bühne ruckelt. Luckys Monolog brabbelt er so weg, nachdem Wladimir ihm einen Hut gekritzelt hat.

Wie die meisten Angeber und alle Künstler ist Pozzo empfindlich. Wunderbar zwischen Sentimentalität und Unsicherheit (Sentimentalität und Unsicherheit, typische Ergänzungsmerkmale von Prahlern) spielt Raulin die Szene aus, in der Pozzo seine Zuschauer fragt, wie er gewesen sei, wie es ihnen gefallen habe. Er richtet sich an uns, wie überhaupt die vierte Wand immer aufgeklappt bleibt, nicht nur, weil am Anfang und am Ende noch lange das Saallicht an ist. Er fragt uns also, wie er war. Natürlich sagt keiner was, so dass Wladimir und Estragon dann selbst zu ihm gehen. Er sei gut gewesen, sagen sie, und es klingt natürlich vernichtend. Lob klingt in den Ohren von uns Pimpernellen meistens vernichtend.

Robert Borgmann begibt sich in die Welt der Kunst, da sind wir irgendwie zu Hause, irgendwie leicht zu beunruhigen und auch ganz interessiert. Insider-Kalauer liegen am Wegesrand, „Ceci n’est pas une pipe“, sagt Pozzo, als er sich eine weitere Zigarette anzündet. Im „Molloy“-Zitat leuchten die Wörter „the stones“ auf, wenn Philipp Weber volle Riffs schlägt, und Estragons „Du hast tolle Sachen verpasst“ klang selten so schlapp und euphorisch zugleich. So wird geredet hier draußen unter Kunstinteressierten.

Es ist anregend, das Existenzielle und Transzendente, hundertfach an Theatern aller Größen durchgespielt, einmal im hippen Künstlerambiente aufgehen zu sehen. Vieles ist assoziativ, albern und läppisch. Das ist in der Kunst so. Weil die Schauspieler so grandios mitgehen, wie man es in Frankfurt derzeit keineswegs immer sieht, bleibt man möglicherweise auch eine Weile dabei und neugierig. Ohnehin verzichtet Borgmann gegenüber seiner tödlich langweiligen Frankfurter „Das Schloss“-Inszenierung auf eine Pause, in der man unauffällig entkommen könnte. Zwei Stunden zwanzig am Stück sind allerdings auch brutal.

Beide Frankfurter Borgmanns – das ist bei ihm auch sonst meist der Fall, so weit wir es beurteilen können – sind ja bei allem Buhei unheimlich eindimensional. Aber diesmal tut Borgmann nicht so, als wäre es anders. Das ist ein Vorteil. Vieles gerät gleichwohl in einen Leerlauf, was vor allem auffällt, wenn mal schnell ein Stück vom Stück zügig weggespielt werden soll und der Text dann doch wieder erstaunlich konventionell und lahm abgehandelt wird.

Ähnlich grauenvoll wie im „Schloss“ das sich endlos hinziehende Ende, dabei wäre es ein Missverständnis, die verzweifelte Ödnis der Situation von Wladimir und Estragon auf das Publikum abzuschieben. Kurios auch, wie Borgmann auf den letzten Metern doch die Transzendenzfrage ins Spiel holt (durch Godots Boten, der übermenschlich stark zu sein scheint). Das erschöpfte Premierenpublikum zurückhaltend freundlich und ganz neutral, als Borgmann sich verbeugt.

Schauspiel Frankfurt: 14., 18., 24., 25. Januar, 4., 6., 13., 14., 23. Februar.

www.schauspielfrankfurt.de

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