Das sogenannte Wolkenfoyer der Theaterdoppelanlage. Renate Hoyer
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Das sogenannte Wolkenfoyer der Theaterdoppelanlage. 

Frankfurt Schauspiel & Oper

Kulturdezernentin Ina Hartwig: „Es kann keine Lösung sein, nichts zu tun“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig zur Diskussion über das womöglich denkmalwürdige Wolkenfoyer der Theaterdoppelanlage.

Frau Hartwig, nach Jahren der Diskussion über die Städtischen Bühnen in Frankfurt rückt jetzt plötzlich der Denkmalwert der Theater-Doppelanlage aus dem Jahr 1963 in den Fokus. Den hatte die Politik bisher völlig ignoriert und den Neubau der Bühnen beschlossen.

Dem muss ich widersprechen. Frankfurts Planungsdezernent, mein Kollege Mike Josef, der für den Denkmalschutz zuständig ist, hatte das Landesdenkmalamt schon vor längerer Zeit nach seiner Einschätzung gefragt. Ich bin über das Gutachten, das jetzt veröffentlicht wurde, keineswegs unglücklich. Es bescheinigt dem Wolkenfoyer zum Willy-Brandt-Platz hin einen Denkmalwert, und nur diesem Teil des riesigen Gebäudes. Die übrigen Teile sind ein bauliches Puzzle, über Jahre hinweg verändert, immer wieder umgebaut.

Aber noch einmal: Den Denkmalwert hat die Politik nie beachtet, um den ging es auch in der politischen Debatte nicht. Auch bei der Podiumsdiskussion der FR noch im Februar dieses Jahres sind Sie darauf überhaupt nicht eingegangen.

Das Landesdenkmalamt hat sich mit einem Gutachten geäußert. Für die städtische Stabsstelle zur Zukunft der Bühnen und für mich als Kulturdezernentin ist das kein Grund, unsere Planung in Frage zu stellen, im Gegenteil. Wir müssen jetzt darüber sprechen, wie wir den Denkmalwert des Wolkenfoyers in etwas Neues überführen. Für mich stellt sich die Frage, ob das gesamte Haus saniert werden kann, nicht mehr. Das haben wir sorgfältig geprüft, und es bleibt dabei: Ich kann eine Sanierung nicht empfehlen, sie ist zu teuer, zu risikoreich und zudem unwirtschaftlich. Auch würde sie selbst in einer verbesserten Variante die Grundmängel des Gebäudes nicht beheben. So ist es kein Zufall, dass die fast 1200 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Bühnen eine Sanierung nicht wollen.

Wenn Sie davon sprechen, den Denkmalwert des Wolkenfoyers in etwas Neues zu überführen, meinen Sie nicht seine Erhaltung, sondern allenfalls ein architektonisches Zitat als Teil eines Neubaus.

Ina Hartwig

Wie mit dem Denkmalwert umzugehen ist, möchte ich gern im Dialog mit den Landesdenkmalpflegern klären. Das Foyer wird ja als Zeichen einer besonderen Transparenz gedeutet, mit dem die Architekten der 60er Jahre auf die Zeit des Nationalsozialismus antworten wollten. Heute allerdings bedeutet Transparenz sicherlich etwas anderes. Die bundesweite Initiative, die für den Erhalt wichtiger Teile des Hauses wie eben des Wolkenfoyers kämpft, stellt zu Recht den demokratischen Charakter des Gebäudes heraus. Wir müssen uns aber die Frage stellen, wie wir diesen Charakter im 21. Jahrhundert bewahren und konkret gestalten wollen. Das gesellschaftliche und städtebauliche Umfeld der Bühnen hat sich grundlegend verändert. Die Stadt ist sehr viel größer geworden, dichter, bunter durchmischt, jünger und internationaler. Darauf müssen wir eine Antwort finden. Das heißt für mich: Wir müssen das Gebäude der Städtischen Bühnen in Zukunft stärker öffnen, es auch am Tage sehr viel mehr Menschen zur Verfügung stellen. Den Gedanken der Transparenz gilt es in diese Richtung weiterzuentwickeln. Dass die Wolken von Zoltán Kemény in das neue Gebäude mitkommen, steht für mich schon lange fest.

Mehr als 5000 Architekten, Planer, Wissenschaftler und Akteure des kulturellen Lebens haben diesen Aufruf unterschrieben. Sie alle argumentieren, dass eine Sanierung und nicht der Abriss des Hauses der richtige Weg wäre.

Noch einmal: Die Sanierung haben wir auf Herz und Nieren geprüft und verworfen. Die Tiefe dieser ersten Prüfung, die 2017 vollendet war, war bereits bundesweit einmalig. Ich habe diese Arbeit dennoch, um ganz sicher zu sein, ein weiteres Mal überprüfen lassen, und wieder lautete das Ergebnis: Eine Sanierung wäre zu kostenintensiv und zu riskant. Über die Behauptung eines früheren Amtsleiters in der FR, eine Sanierung wäre für 200 Millionen Euro zu haben, kann ich mich nur wundern. Das ist eine Milchmädchenrechnung. Etwas mehr Respekt für die Architekten und Planer, die die intensive Arbeit der Prüfung für die Stadt geleistet haben, wäre wohl zu erwarten.

Jetzt, in den Zeiten der Corona-Pandemie entsteht der Eindruck, als seien alle Überlegungen völlig zum Stillstand gekommen. Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann hat die Zukunft der Bühnen schon öffentlich auf einen ungewissen Zeitpunkt vertagt.

Ich bin sehr froh über den Beschluss der Stadtverordneten, dass es keine Sanierung, sondern einen Neubau geben soll. Das ist ein enorm wichtiger Schritt. Es kann keine Lösung sein, nichts zu tun. Je länger wir die Sache aufschieben, desto teurer wird es am Ende. Deshalb läuft unsere Planung weiter, die der Oberbürgermeister selbstverständlich unterstützt.

Zur Person

Ina Hartwig, Jg. 1963, studierte Romanistik und Germanistik in Avignon und Berlin. Sie war von 1997 bis 1999 Literatur-Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Im Juli 2016 wurde die Sozialdemokratin von der Koalition aus CDU, SPD und Grünen im Frankfurter Römer zur Kulturdezernentin gewählt.

Was genau geschieht in diesen Wochen?

Ich habe eine Vorlage in den Geschäftsgang des Magistrats eingebracht und schlage darin vor, mehrere Standorte für einen Neubau der Bühnen vertieft zu untersuchen. Dazu wird auf Wunsch des Baudezernenten Jan Schneider auch eine Untersuchung der Komplettverlagerung der Bühnen an einen anderen Standort gehören. Dennoch wiederhole ich in aller Deutlichkeit: Ich halte einen Bau der Bühnen im Osthafen für keine gute Idee. Auch Frankfurts Wirtschaftsdezernent Markus Frank hat gerade erst öffentlich betont, wie wichtig es ist, die Gewerbebetriebe im Osthafen bis 2050 zu erhalten. Das Gleichgewicht von wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlichem Miteinander, das den Erfolg Frankfurts ausmacht, würde bei einer kompletten Standortverlagerung leiden.

Welche Neubau-Varianten wollen Sie untersuchen lassen?

Es geht um insgesamt fünf Untersuchungen. Zum einen wäre das ein Neubau der Theater-Doppelanlage auf ihrem heutigen Grundstück. Dann die Variante, die Oper auf ihrem heutigen Standort neu zu bauen und das Schauspiel auf der anderen Seite des Willy-Brandt-Platzes entstehen zulassen, wie in einer Spiegelung. Eine weitere Möglichkeit wäre ein Neubau der Oper an den Wallanlagen und des Schauspiels wiederum auf dem Willy-Brandt-Platz. Ferner wird ein Neubau des Schauspiels am Opernplatz schräg gegenüber der Alten Oper geprüft, während die Oper am Willy-Brandt-Platz neu entstünde. Und schließlich ein kompletter Neubau der Bühnen im Osthafen. Jeweils mit zu untersuchen sind dabei Werkstätten, Lager und Probebühnen, entweder am Ort der Bühnen selbst oder in einem Produktionszentrum mit guter öffentlicher Verkehrsanbindung.

Was ist mit den Interimslösungen, die es bei einem Neubau bräuchte?

Es ist ebenfalls Aufgabe der Stabsstelle, die Zwischenspielstätten zu prüfen. Demnach wäre es sinnvoll, zuerst einen Neubau der Oper zu errichten. Die Oper könnte während der Bauphase in das Haus des Schauspiels verlagert werden. Für das Schauspiel gäbe es bis zum Neubau zwei Interims-Standorte: Zum einen das Bockenheimer Depot, zum anderen in Teilnutzung das Zoo-Gesellschaftshaus, in dem ja bis dahin ein Kinder- und Jugendtheater entstanden ist. Das wäre eine sparsame Lösung.

Die CDU in Gestalt des Baudezernenten beharrt auf dem Neubau der Bühnen im Osthafen. Wenn das Wolkenfoyer als Teil des heutigen Theaters unter Denkmalschutz gestellt werde, könne man es problemlos in ein anderes Gebäude integrieren, sagt Baudezernent Schneider.

Das ist absurd. Das Wolkenfoyer ist zwingend Teil eines Bühnengebäudes, es kann daher nicht in ein Versicherungs- oder Bankgebäude integriert werden.

Die politischen Fronten um die Bühnen scheinen festgefahren, erst recht, weil die Kommunalwahl im Frühjahr 2021 näher rückt. Wie könnte da wieder Bewegung entstehen?

Ich hoffe, dass die CDU sich doch noch mit einem Neubau im Zentrum der Stadt anfreunden kann. Ihr kulturpolitischer Sprecher hat ja bereits angedeutet, dass der Neubau im Osthafen nicht das letzte Wort sein muss. Ich halte daran fest, dass die Bühnen einer europäischen Großstadt in ihrem Zentrum angesiedelt sein sollten und nicht an der Peripherie. Die Kultur gehört in die Innenstadt, das ist meine Überzeugung.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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