Alfredo im Zirkus: Atalla Ayan, bedrängt von Akrobaten und dem Balthasar-Neumann-Chor. Rolando Villazón hat "La Traviata" für die Festspiele in Baden-Baden inszeniert.
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Alfredo im Zirkus: Atalla Ayan, bedrängt von Akrobaten und dem Balthasar-Neumann-Chor. Rolando Villazón hat "La Traviata" für die Festspiele in Baden-Baden inszeniert.

Villazón "La Traviata"

Die Künstlerin und der Komtur

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Eine musikalisch delikate „La Traviata“ in Baden-Baden, von Rolando Villazón inszeniert.

Ein merkwürdiger Fall, Rolando Villazóns „La Traviata“-Inszenierung im Festspielhaus Baden-Baden. Hinter ostentativer Oberflächlichkeit und der dekorativen, aber inhaltlich bald versandenden Idee, die Geschichte von einer halbseidenen Salonatmosphäre in eine knackig professionelle Zirkuswelt zu verlegen, stecken ein paar springende Punkte.

Man kann sich einfach erfreuen am bunten Treiben der Akrobaten im aus Scheiben (Zirkusarena und mahnendes Ziffernblatt) zusammengesetzten prächtigen Bühnenbild von Johannes Leiacker. Man kann sich sodann ärgern darüber, dass vom Land-Akt an das Bühnenbild ratlos in der Gegend herumsteht, und dass nach dem Gewirbel im 1. Akt auch die Personenführung sich in allzu vertraute Geh- und Stehkonventionen zurückzieht.

Man kann aber auch staunen: über den Ingrimm, mit dem Rolando Villazón dem Vater Germont begegnet: Simone Piazzola muss ein steinerner Komtur wie aus dem Bilderbuch beziehungsweise aus „Don Giovanni“ sein und bleiben, während Verdi den schlimmen Glückszerstörer doch mit milder Musik und sanftem Verständnis umgibt. Und staunen über die szenisch vielleicht etwas hilflose, aber unübersehbare Zuneigung, die Villazón der Titelfigur entgegenbringt: Olga Peretyatko zeigt hier ja keine Kurtisane, sondern eine Zirkusakrobatin, eine Künstlerin, deren Double am Trapez turnt. Und staunen schließlich über den Gleichmut, mit dem er Alfredo, Atalla Ayan, zu begegnen scheint, der Rolle, mit der er selbst einst, bloß zehn Jahre ist es her, an der Seite von Anna Netrebko in Salzburg spektakulär auftrumpfte.

Der 43 Jahre alte Tenor, als Regisseur ein Seiteneinsteiger, sicher ein begeisterter Seiteneinsteiger, aber sicher auch auf der Suche nach künstlerischen Alternativen zur Abhängigkeit von der immer wieder labilen Stimme, kann in Baden-Baden keineswegs ein einigermaßen triftiges Ganzes herstellen. Aber er kann deutlich machen, dass ihn die Tragödie einer abstürzenden (hier buchstäblich abstürzenden) Künstlerin mehr interessiert als die Liebesgeschichte. Und dass er kein Verständnis aufbringt für den, der ihre Zukunft noch vor der Krankheit zum Tode kaputt macht.

Deko und Empfindlichkeit

Im lustigen Getümmel – spektakuläre Mühe hat Thibault Vancraenenbroeck in die fantastischen Kostüme für den Chor gesteckt – gibt es einen empfindlichen Untergrund. Nein, man sieht zugegebenermaßen nicht viel davon. Wer sich aber vielleicht noch daran erinnert, wie Villazón sich im Konzert in Frankfurt scharf gegen einen Zuschauer wandte, der seine Begleitung ausbuhte, wird das ernstnehmen.

Musikalisch ist das Unterfangen delikat. Balthasar-Neumann-Ensemble und -Chor, hier von dem Spanier Pablo Heras-Casado geleitet, lassen sich erwartungsgemäß in keinem Moment auf eine simpel süße Lesart ein. Im Intermezzo winkt von den Streichern der Tod herüber, und der Tod kennt kein Vibrato. Als Opernchor sind die konzertgeübten und solistisch fitten Sängerinnen und Sänger überwältigend kompakt und filigran (und darstellerisch in Fahrt). Die tragische Trio ist becircend jung, was man auch hören darf: Olga Peretyatko dabei von einem völlig missglückten Spitzenton abgesehen praktisch makellos (netrebkohaft makellos, überhaupt netrebkohaft, das hängt ihr an, aber sie wird damit leben können). Ayan wirkt manchmal unscharf in der Intonation, aber immer sicher im lyrischen Schönklang, Piazzola singt ungleich werbend weicher, als er spielen darf.

Die Rücksicht des Orchesters lässt den Solisten zudem allen Raum, den sie brauchen, um in jedem Moment hören zu lassen, dass Verdi der Meister und kein Gassenhauerschreiber ist.

Festspielhaus Baden-Baden: 29. Mai. www.festspielhaus.de

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