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Leonie Schulz als widerständige Berichterstatterin.

Staatstheater Mainz

Kriegsgeschichten auf beiden Ohren

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„In Memoriam Anna Politkowskaja“ im Mainzer Staatstheater.

Der italienische Autor und Theaterregisseur Stefano Massini liebäugelt mit dem Theater als moralischer Anstalt, weswegen er gern tagespolitische Fragen aufgreift. 2017 erlebte sein Stück „7 Minuten/Betriebsrat“ in Mainz seine deutschsprachige Erstaufführung, ein Abend, der die Widersprüche des Kapitalismus exemplarisch vorführt.

„In Memoriam Anna Politkowskaja – Eine nicht umerziehbare Frau“, nach der Ermordung derselben im Jahr 2006 entstanden, beleuchtet das Leben der in New York geborenen russischen Journalistin. Schlaglichtartig widmet es sich Stationen ihres unbequemen Wirkens, zitiert aus ihren Büchern und Interviews.

Am Staatstheater Mainz inszeniert Kathrin Herm das als Zwei-Personen-Abend am ungewöhnlichen Ort. Das leer stehende Karstadt-Sport-Gebäude, jetzt kurz „Filiale“ genannt, ist neue Nebenspielstätte des Theaters. Ein trashig urbaner Ort gleich gegenüber des Großen Hauses gelegen. Dort im zweiten Stock liegt ein roter Teppichläufer aus und allerlei Requisiten in signalrot warten auf Bespielung, bevor Hanns Hoehn am Kontrabass die Vorstellung eröffnet. Er fungiert an diesem kurzen und schmerzhaften Abend als sidekick, ist für den Soundtrack und Manneskraft zuständig.

In der Hauptsache verkörpert Leonie Schulz Anna Politkowskaja, schlüpft aber auch in andere Rollen. Unauffällig gekleidet (dunkler Rolli, graue Hose, schwarze Schuhe) erzählt sie wahlweise ungestüm oder sanft vom Krieg in Tschetschenien. Dazu spricht sie mal in eines der im Raum verteilten Mikrophone, mal in ihr Mikroport, dann werden die Zuschauer unsanft angewiesen, zuvor ausgegebene Kopfhörer aufzusetzen.

Interviews von Politkowskaja mit den Beteiligten des Krieges sind da etwa zu hören, die eine Stimme auf dem linken, die andere auf dem rechten Ohr, auch wenn immer Leonie Schulz es ist, die spricht. Heraus kommt eine Mischung aus Lecture-Performance und szenischem Hörspiel, die mehr durch ihren Inhalt als durch ihre Form besticht.

Hanns Hoehn verstärkt, stützt und untermalt das Gesagte, mal wandert er durch den Raum und schlägt Klangstäbe an, mal wendet er seinen Bass zur Gitarre. Viele der Ereignisse, die zur Sprache kommen, hatte man beinahe schon vergessen, etwa die Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater 2002. Der Abend bringt nicht nur die eigenen Erinnerungen auf Trab, sondern hilft auch, nicht zu vergessen, wie Russland regiert wird. Auf einer Leinwand erscheint gegen Ende das rührende Gesicht der vergifteten und später rabiat ermordeten Anna Politkowskaja. Ihr kurzes Leben bleibt eine Mahnung, die dieser Abend eindringlich formuliert.

Staatstheater Mainz: 23. Februar, 11., 15., 20., 25. März. www.staatstheater-mainz.com

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