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Kate Lindsey (Nerone, l-r) und Sonya Yoncheva (Poppea)

Salzburger Festspiele

Der Krieg zwischen Ordnung und Chaos

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Bilderfluten ? und Musik noch obenauf? Tendenzen zur Üppigkeit und heilsame Askese im Salzburger Opernsommer.

Claudio Monteverdis Operntrias „L’Orfeo“, „Il Ritorno d’Ulisse“ und „L’Incoronazione di Poppea“ wurde im vergangenen Sommer in Salzburg von Sir John Eliot Gardiner (im Rahmen einer Welttournée) halbszenisch präsentiert; das ergab für die szenische Interpretation nicht viel. So war es nicht abwegig, das theatralisch vielleicht „dankbarste“ der drei Werke, nämlich die „Krönung der Poppea“, nun nochmals zu präsentieren, aber im vollen Ornat der Bühnenpräsenz – als einzige inszenierte Oper der laufenden Festspiele im „Haus für Mozart“, das seinem neuen Namen nach der Renovierung – früher war es mehr als 30 Jahre das „Kleine Festspielhaus“ – keine sonderliche Ehre macht.

Der belgische Allroundkünstler Jan Lauwers brachte eine ansehnliche, ja opulente Aufführung zustande; Regie, Choreographie und Bühnenbild, in einer Hand vereinigt, zeigten sich versiert und stilsicher. Und unter der musikalischen Leitung von William Christie geriet die musikalische Seite außerordentlich suggestiv – 15 Vokalsolisten und das Instrumentalensemble Les Arts Florissants mit 14 Spielern (einschließlich des Dirigenten am Cembalo) demonstrierten, gleichsam nebeneinander, Üppigkeit und Ökonomie der jungen Opernkunst knapp hundert Jahre vor Händel.

Es ist nicht schwer, in dieser auf die Kaiserkrönung einer kurtisanenhaften Geliebten wie auf eine klassische Apotheose mit als Sternzeichen an den Himmel versetzten Personen zulaufenden Handlung das frivole und zynische Großdivertissement eines verwöhnten Adels zu sehen. Nicht nach Schillers oder Beethovens Geschmack. In einer ebenfalls elegant erschlossenen Dimension versicherten sich Autoren und Auftraggeber ihrer „humanistischen“ Erfahrenheit und mischten Götter und Allegorien in das menschlich-allzumenschliche Spiel.

So werden die Machtspiele und die amourösen Intrigen einer herrschenden Klasse der scheinbaren Mechanik eines unentrinnbaren Schicksals integriert, mit dem man sich weise versöhnt wie der im Stück von Nero in den Tod getriebene Philosoph Seneca, der sein Ableben mit schönem geistigen Aufwand als stoische Heldentat zelebriert. Bitterer gestaltet sich die Verstoßung der im Wege stehenden Kaiserin Ottavia aus Rom; für leicht humoristisch gewürzten „Realismus“ sorgen die Einwürfe der Ammen.

Es entspräche dem Sinn der schönheitstrunkenen, durchweg in liedhaften Rezitativen strukturierten Musik wohl kaum, wenn sie auf anklägerische Weise blutrünstig konterkariert würde, und so hält auch Lauwers geschickt die Balance zwischen Grausamkeit und Beschönigung. Dazu wird auch eine stattliche Riege von tänzerischem Personal aufgeboten, das an erotischer Faszination mit den Vokalisten und ihrer staunenswerten stimmlichen Virtuosität wetteifert. Es entstehen schöne, moderat schreckliche und vor allem schön schreckliche Bilder. Die Personen werden spannungsvoll geführt. Man könnte resümieren, dass, mit einer erneuerten Bildsprache, ähnliche stilistische Ideen hier verwirklicht werden wie vor einem halben Jahrhundert in der Weinlaubästhetik von Jean Pierre Ponnelle (Oper Zürich).

Von den ebenso souverän wie minuziös präsenten Darstellern muss das Paar Nerone/Poppea (Kate Lindsey, Sonya Yoncheva) hervorgehoben werden; ungemein anrührend auch die Auftritte von Stéphanie d’Oustrac (Ottavia) und Renato Dolcini (Seneca).

In eine andere Sphäre moralischer und politischer Verunsicherung führt Hans Werner Henzes Oper „Die Bassariden“, in der es nicht nur um die Verführung des „Puritaners“ Pentheus durch den Gott Dionysos geht, sondern um den tödlichen Krieg zwischen Ordnung und Chaos. Eine veritable griechische Tragödie mit verzweigten Vor- und unabsehbaren Nachgeschichten entwickelt das raffinierte Sujet von W.H.Auden.

Da dieser nicht nur ein sprachgewaltiger Poet mit klassischer XXXL-Bildung war, sondern auch ein alter Schäker, unterbricht er den Dauerlauf in die allgemeine Katastrophe durch ein neckisches Intermezzo, „Das Urteil der Kalliope“, das meistens gestrichen wird, diesmal aber mitkredenzt wurde und das Werk auf die Dauer von satten drei Stunden brachte. Sei’s drum. Der Regisseur Krzysztof Warlikowski hatte auch für diese Petitesse noch aparte Assoziationen aus dem SM-Boudoir zu bieten.

In der Felsenreitschule ansonsten ein betäubender Aufwand. Da die Musik (Choranteil!) sowohl monumental als auch in unendlicher Nuanciertheit ausdifferenziert erscheint, auf jeden Fall „groß“ – um 1966, als „Die Bassariden“ in Salzburg uraufgeführt wurden, war die emphatisch angegangene Oper eine Art zeitgeistige Widerstandstat wie wenig später Wolfgang Rihms Revolte gegen die „Gesetzgeber“ – hätte man sich kontrastiv eine lapidare, am besten asketische Bühne gewünscht. Nichts davon diesmal - auch Malgorzata Szczesniaks in vier Raumsegmente abgeteilte, metallisch funkelnde Bühne beförderte Labyrinthik und forcierten, mit Statistenheeren unterfütterten Aktionismus.

Immerhin ließen sich die Hauptfiguren – Sean Panikkar als lasziv-lyrisch intonierender Dionysos und Russell Braun als ins Weibische zerfleddertes Opfer der rauschhaften Riten – in all dem Trubel nicht unterkriegen. Dem skeptischen Betrachter kam mehr als einmal das Zauberwort „Bildverbot“ in den Sinn. Es gab ja auch schon Opernabende, in denen die Felsenreitschularchitektur so gut wie gar nicht kulissenmäßig tangiert war.

Soll man als aktuellen Kern der „Festspielidee“ die Tendenz zu aufgedonnerten Bühnenevents quittieren? Natürlich lässt sich ein Kent Nagano mit den Wiener Philharmonikern und der immensen Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor nicht ganz die Schau stehlen. So richtig und ungeteilt triumphierte die Musik diesmal freilich nur in der konzertanten Reanimation einer ebenfalls einst in Salzburg (gut ein Jahrzehnt vor Henze) uraufgeführten Kafkaoper „Der Prozess“ von Gottfried von Einem, liebevoll und mit hochinspirierter Genauigkeit dirigiert von HK Gruber mit dem bestens vorbereiteten ORF-Sinfonieorchester.

Es war auch der Abend des grandiosen, ins gelegentlich fast Übermenschlich-Heldische hineinreichenden Charaktertenors Michael Laurenz, der den in allen neun Szenen auftretenden Josef K. mit Dauerspannung zu Gehör brachte. Auch die weiteren elf Solisten (teils in mehreren Rollen) absolvierten ihre Aufgaben eindrucksvoll.

Von der Musik lässt sich sagen, dass sie mindestens sehr gute und dramatisch effektive Schauspielmusik ist. An einigen Stellen geht sie darüber hinaus, so etwa im lakonischen Schluss, der Josef K.s „Gang ins Dunkel“ mit kühler Konkretion kommentiert (Glissando-Lauf abwärts am Klavier). Und gewiss ist der singende Josef K. konturierter (oder anders konturiert) als derjenige des Romanfragments. Und von Einems streng fettfreie, grätige, rhythmisch akzentuierte und zwischen Strawinsky und Barsound pendelnde Musik hat angesichts neuer Redseligkeiten auch etwas sympathisch Rigides. Man sollte an einige Opern dieses intelligenten Künstlers neuerlich erinnern, und das möglichst nicht nur konzertant. Böse und „uneigentlich“ im Tonfall vor allem „Der Besuch der alten Dame“. Und schon vom Titel her verheißungsvoll: „Die Hochzeit Jesu“.

Gerade nach Salzburg gehört von Einem wieder. Er hätte viel für die Festspiele bedeuten können. Nach dem Kriege ein paar Jahre im Festspielpräsidium, scheiterte er am Kalten Krieg: Sein Werben um den „Kommunisten“ Bertolt Brecht brachte wenige Jahre nach dem offiziellen Ende der Nazizeit die österreichische Kulturseele zum Überkochen. Gottfried von Einem als Gegengift zur Karajankulinarik: Da hätten „Kalk und Unrat“ hier nichts zu lachen gehabt.

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