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Kurz vorm Ende: Lea Ruckpaul und Martin Schwab.

"König Lear"

Wie konnte er sich bloß all die Jahre an der Macht halten?

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Mit Shakespeares "König Lear" kehrt Claus Peymann nach Stuttgart zurück.

Das herausragende Element dieses Theaterabends ist die Volte, dass Claus Peymanns Stuttgarter König Lear ein schier unglaublicher Dummkopf ist. Martin Schwab zeigt vom Lächeln über die munteren Äugelchen bis zum gemütlichen Wiegeschritt und zum Zauselhaar einen törichten alten Mann. Schier unglaublich ist das nicht nur, weil Schwab es so rigoros durchzieht. Es ist auch ein Wunder, dass sein Lear sich so lange halten konnte als König eines Reichs, das, unter drei Erbinnen aufgeteilt, noch jede zur zufriedenen Herrscherin machen würde. 

Entweder war er im Amt schon immer überfordert oder der Bruch mit einer glorioseren Vergangenheit liegt vor Beginn des Stückes. Jedenfalls wird das Publikum zwar Zeuge, wie ein Mann alles verliert. Es wird sich aber schwerlich vorstellen können, dass das nicht der logische, geradezu zwingende Gang der Dinge ist, eingeschlagen irgendwann weit vor der Schnapsidee, sich von den Töchtern Loblieder singen zu lassen und dabei die Heuchlerinnen zu belohnen. 

Das hat wesentliche Folgen für die Dramaturgie. Erstens kann Schwab sich kaum entwickeln. Es ist ja kein Sturz im engeren Sinne, weder Reste von Charisma noch die formale Aura der Krone umgeben ihn zu Beginn. Zweitens ist es damit gar nicht leicht, Goneril und Regan, die beiden bösen Schwestern, im erforderlichen Maße zu verabscheuen. Und dies obwohl sich Manja Kuhl, Caroline Junghanns und Kostümbildnerin Margit Koppendorfer alle Mühe geben, aufgebrezelte Miststücke zu zeigen. Cordelia hingegen, Lea Ruckpaul, ist ein adretter blonder Engel in Hellblau. Seit „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ war es nicht mehr so einfach, gute und böse Schwestern auf den allerersten Blick zu identifizieren. 

Ironie? Es sind vor allem dreidreiviertel Stunden der Eindeutigkeiten, dargereicht in attraktiven Bildern. „Einfach nur Lear“ heißt es im Programmheft und führte Peymann im Gespräch mit der „Stuttgarter Zeitung“ vorab aus, wo er darauf hinwies, dass auch Dirigenten Beethoven-Sinfonien nicht rückwärts spielten. Denn offenbar soll die Werktreue-Debatte belebt werden – und auch die Anti-Videoeinsatz-Liga soll zum Zuge kommen (Peymann: „einfach nur ,Lear‘. Die ganze Geschichte, ohne Video und Mikroport-Verstärkung“), obwohl man selbst als Sympathisant dieser Liga nicht auf den Gedanken käme, die reine Abwesenheit von Videobildern bereits als qualitatives Plus zu verbuchen. 

Die Debatte zeigt sich ohnehin erneut von ihrer instabilen Seite. Nicht nur bleibt einem Theater nichts anderes übrig, als mit dem Text in irgendeiner Weise umzugehen (hier „in der Neufassung von Jutta Ferbers nach der Übersetzung von Wolf Baudissin, Narrenlieder übertragen von Peter Handke“). Auch eine Regie wäre keine, wenn sie nicht den Anspruch hätte, das Gezeigte nicht bloß zu zeigen (denn irgendetwas in dieser Art scheint unter Werktreue verstanden zu werden), sondern es zu deuten. Es ist so offensichtlich, dass man sich geniert, es hinzuschreiben. 

Tatsächlich muss man jedoch feststellen, dass Peymann sich redlich bemüht, möglichst wenig in William Shakespeares Stück hineinzulesen. Drastisch ist er in seiner Entscheidung für einen armen Lear ohne Abglanz eben erst verspielter Größe (die man übrigens durchaus für werktreu hätte halten können). Nicht drastisch, aber geradlinig ist er im nicht ganz einleuchtenden Wunsch, „König Lear“ ins Kleine, Überschaubare, im Sturm nachher fast Puppentheaterhafte zu wenden. Das passt zu Karl-Ernst Herrmanns schwarzer schräger Bühne. Von oben baumelt die Kinderkrone, die Lear an den Haken gehängt hat. Der Thron ist ein dürres Gestänge, aber farbig & schick wie in einer Robert-Wilson-Aufführung. 

Auch der Spiegel von Lears Töchtern, Glosters Söhne Edgar und Edmund, ist leicht zu verstehen: ein artiger, lieber Junge Lukas T. Sperber, ein fieser Haderlump Jannik Mühlenweg. Und wieder ist der Fall so klar, dass Elmar Roloff als Gloster Schwierigkeiten hat, dem Schuft zu glauben, ohne selbst wie ein alter Trottel dazustehen. 

Wo sich keine Doppelbödigkeiten auftun – markant gemieden auch in Ruckpauls Narr, der allerliebst ist, nicht weniger und nicht mehr –, funktionieren Wahrheiten natürlich weiterhin. Auch „König Lear“ funktioniert. Es darf gelacht werden, aber in die heillose Geschichte bohrt sich das nicht. Peymann bekommt für seine Rückkehr nach Stuttgart Bravos, ein pflichtschuldiges Buh (huch, aber der 80-Jährige lächelt diebisch vergnügt darüber) und ein volles Haus. In Stuttgart sei er damals, von 1974 bis 1979, „Theaterkönig“ gewesen, sagt Peymann in der „Stuttgarter Zeitung“. Es müssen große Tage gewesen sein. Der über weite Strecken unterhaltsame, gegen Ende Ermüdungserscheinungen zeigende und unterm Strich wenig auffällige „Lear“ lässt sich das so wenig anmerken wie der Titelheld selbst. 

Schauspiel Stuttgart: 27. Februar, 2., 3., 8., 16., 31. März (bisher alle ausverkauft). www.schauspielstuttgart.de

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