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Da kommt noch was

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„Marterpfahl“, 2005: Sophie Rois mit Notausgang.
„Marterpfahl“, 2005: Sophie Rois mit Notausgang. © Imago

2017 verlässt Frank Castorf als Intendant der Berliner Volksbühne. 25 Jahre wird er dann die Geschicke des Theaters geleitet haben. Nun stellt sich die Frage: Was soll folgen?

Von Dirk Pilz

Jetzt ist es amtlich. Frank Castorf hört 2017 als Intendant der Berliner Volksbühne auf. Der Senat hat beschlossen, Castorfs im Sommer 2016 endenden Vertrag nur um ein Jahr zu verlängern. Er wird dann 25 Jahre im Amt gewesen sein. Es ist viel passiert in dieser Stadt, mit diesem Theater und ihrem Intendanten seitdem. „Ein kleineres Theater“, sagte Castorf damals, „hätte ich nie übernommen, das hätte ich nicht schaffen können. Die Volksbühne aber war so groß, so leer und so kaputt – da lohnte es anzugreifen.“

Und wie es lohnte. Castorf ist ein Künstler, das ist unter Theatermachern nicht selbstverständlich, es gibt auch viele Kunstverrichter, in Berlin zumal. Die Castorf-Volksbühne hatte öfter sensationelle Durchhängephasen, auch Castorf war nicht immer in Form. Man erinnere sich an „Vaterland“ (2000) oder „Marterpfahl“ (2005), eher furchtbare Veranstaltungen. Aber die Künstlerschaft Castorfs ist daran zu ersehen, dass er sich immer treu blieb und zugleich gegen sich selbst und gegen die Moden neu erfunden hat. Mit den Dostojewskij-Inszenierungen zum Beispiel, zuletzt auch mit seinen beiden Hans-Henny-Jahnn-Abenden in Wien und Hamburg. Zwischen „Clockwork Orange“ (1993) und „Pastor Ephraim Magnus“ (2015) liegen buchstäblich Welten. Sie zu durchschreiten war damals wie heute eine Dauerüberforderung. Es gibt keinen Regisseur, über den sich mehr geärgert und mehr gewundert wird. Er hat dabei die Stadt tief geprägt, das Theater, die Zuschauer, Kollegen, Kritiker, auch mich.

Und jetzt braucht es also einen Nachfolger. Vor zwanzig Jahren sagte Castorf, „hochsubventioniert von der Gesellschaft subversiv arbeiten können – das macht mir Spaß“. Es gehe ihm im Theater, so Castorf im vergangenen Jahr, nach wie vor um den „Geist des Grenzgängertums“. Es sind keine Gründe ersichtlich, warum dieser Spaß in der Post-Castorf-Ära an der Volksbühne aufhören sollte, im Gegenteil. Es ist dringlich wie nie. Die Gesellschaft gibt Geld für Kultur aus, damit es zweckfrei vernichtet wird. Das muss man verteidigen, um wenigstens einen Raum zu haben, in dem die Marktlogiken nicht greifen, auch, um diese überhaupt noch wahrnehmen und entsprechend gestalten zu können. Andernfalls treten sie wie Naturgesetze auf, dann braucht es in der Tat keine Theater, Orchester, Bibliotheken, Museen mehr.

Moratorium wäre hilfreich

Aber was heißt das im konkreten Fall? Tim Renner, Berlins Kulturstaatssekretär, glaubt, die Volksbühne „weiterentwickeln“ zu müssen. Das soll augenscheinlich heißen, das Haus einem Kurator zu übergeben. Eine naheliegende Idee, Kuratieren ist die derzeit vorherrschende Kulturtechnik. Aber es ist völlig unklar, was das in Bezug auf die Volksbühne bedeuten soll. Und die Debatte wird erschwert, weil sie sofort namensbezogen geführt wird. Chris Dercon, Leiter der Londoner Tate Gallery, ist offenbar Renners Vorzugskandidat. Also wird jetzt viel über Dercon geredet. Kann er es? Er ist ein Risiko, aber das muss nicht dagegen sprechen.

Dennoch, man wünscht sich, dass diese Postenvergabe ausnahmsweise nicht funktioniert wie es sonst zugeht in der Kulturpolitik. Sonst nämlich bedienen die Entscheider die schlechte alte Hinterzimmerpolitik. Wenn es aber wirklich darum geht, die Berliner Theaterlandschaft weiterzuentwickeln, wäre ein Moratorium hilfreicher, um einmal mit breiterer Öffentlichkeit zu diskutieren, was sinnvoll sein könnte.

Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, hat etwa wiederholt zu Protokoll gegeben: „Die Kunstprozesse werden partizipativer, interdisziplinärer und internationaler – wie kann ich das in bestehenden Strukturen abbilden?“ Er denkt an ein „hybrides Modell“, aber es ist offen, was das meint. Oder Heiner Goebbels. Er fordert „freie Häuser“, ohne feste Vorgaben von Effektivität, Auslastung, Repertoire, mit kleiner Stammbesetzung aus Technik, Verwaltung, Leitung, „aber ausreichend mit Mitteln dafür ausgestattet, sich von Projekt zu Projekt neu zu definieren und zu erfinden – und zu erarbeiten, was gut für die Kunst ist“. Klingt gut, auch wenn es das mit dem Hebbel Am Ufer zum Beispiel längst gibt, allerdings gerade nicht mit ausreichend Mitteln ausgestattet.

Die Herausforderung ist dabei vor allem, nicht einfach Ensemble- und Repertoirebetrieb abzubauen, sondern mit der Idee eines freien Hauses zu verbinden. Labor würde dann heißen: Statt einen Spielplan abzuarbeiten, das Haus in eine Darstellungs- und Denkstätte zu verwandeln. Statt auf ein Produkt (die Premiere) hinzuarbeiten, einen Dauerprobenraum zu schaffen. Statt das Publikum als Kunstendabnehmer zu behandeln, es zur Teilhabe an einem Experiment einzuladen. Das knüpfte an die Castorf-Tradition an und ließe doch Möglichkeiten, sich von ihr abzusetzen.

Wenn derlei möglich sein sollte, dann in einer Stadt wie Berlin, die fünf große Stadttheater hat. Das war bereits für das Gorki in der Diskussion, jetzt fand man dort eine eigene, schützenswerte Variante Stadttheater. Die Volksbühne könnte die ihre finden, um hochsubventioniert von der Gesellschaft subversiv zu arbeiten.

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