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Eine Art Inselglück.

HAU Berlin

Komm unter mein Bananenblatt

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Philippe Quesnes „Crash Park“ beginnt mit einer Katastrophe und endet als freundliche Utopie.

Glück müsste man haben und mit dem Flugzeug abstürzen. Also das allein reicht natürlich nicht. Es müsste auch so eingerichtet sein, dass man überlebt. Als Absturzstelle empfiehlt sich eine einsame Südseeinsel. Das alles ist gar nicht so unwahrscheinlich, verglichen damit, dass einem die Mitüberlebenden auch noch wohlgesonnen sind und sogar ans Herz wachsen. Schließlich ist man in der Angewiesenheit aufeinander bei gleichzeitiger Konkurrenz robusten gruppendynamischen Mechanismen ausgesetzt. Wie gesagt, Glück muss man schon haben.

Die acht Menschlein, die in „Crash Park“, Philippe Quesnes eben in Nanterre uraufgeführten und nun im Berliner HAU zur Deutschlandpremiere gekommenen Stück, vom Schicksal zusammengewürfelt werden, verstehen sich prima. Eben saßen sie noch in den Flugzeugreihen, ließen sich von den Stewards verköstigen, bevor sie synchron zur Schlafbrille griffen, wegnickten und ohne zu erwachen von Turbulenzen durchgeschüttelt wurden, die schließlich zum Absturz führten. Ob sie sich alle an derselben Stelle gestoßen, alle dieselbe Art von Gehirn- und Charaktererschütterung davongetragen haben? Jedenfalls verhalten sie sich, wie sie da aus dem Wrack krabbeln und in aller Ruhe ein paar letzte Vorräte teilen, nicht wie normale Menschen. Ohne sich groß verabreden zu müssen, retten sie einander auf die überdimensionierte Playmobil-Vulkaninsel, erkunden diese völlig angstlos und zuversichtlich, finden zu ihrer Freude Kokosnüsse und Bananen vor, auch ein ziemlich entspannt herumliegendes menschliches Skelett – kein Grund zur Sorge!

Schnell fangen sie an zu spielen. Sie hüllen sich in Palmenblätter und Bast, tanzen einander etwas vor, gewagte Hüpfer, die, egal, ob sie gelingen, mit herzlichem Applaus bedacht werden und zu allgemeinem religiösem Staunen möglicherweise die eine oder andere vulkanische Eruption verursachen. Wie zugewandt und freundlich sie zueinander sind! Und mit welch unerschöpflicher Langmut sie vermeintliches Ungemach hinnehmen. Komm unter mein Bananenblatt, heißt es, wenn es regnet. Und schon ist es wieder gemütlich. Ein böser Riesenkalmar wird gemeinsam erlegt und schmeckt dann gut.

Irgendwann kippt die paradiesische Utopie ins Zivilisatorische, und es blinkt ein OPEN-Schild, wie man es von Berliner Spätis kennt. Der Vulkan verwandelt sich zu einer Partylocation – was aber jetzt nicht heißt, dass die Stimmung darunter leiden und die Freundlichkeit gegeneinander abnehmen würde. So dass man mit der Frage nach Hause geht, warum man nicht einfach so, auch ohne Flugzeugabsturz Glück miteinander haben kann.

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