Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Akram Khan in "Until the Lions".
+
Akram Khan in "Until the Lions".

Movimentos in Wolfsburg

Körper, die aufs Ganze gehen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
    schließen

„Until the Lions“, eine dunkle Tanzgeschichte von Akram Khan bei den Wolfsburger Movimentos, dem äußerst regen, aber von der VW-Krise schwer betroffenen Tanzfestival.

Eine elementare Geschichte erzählt der britische Choreograph Akram Khan in seinem jüngsten Werk, sie ist ursprünglich niedergeschrieben im großen Epos Indiens, dem Mahabharata. Amba und ihre zwei Schwestern werden darin von Bhishma entführt, um sie zu verheiraten. Bhishma lässt Amba wieder gehen, da sie einem anderen Mann versprochen ist, doch der zweifelt nun an ihrer Jungfräulichkeit. Auch Bhishma, von Amba gebeten, sie zu heiraten, weist sie ab, so dass sie Rache schwört. Gott Shiva sorgt dafür, dass sie als Mann Shikhandi reinkarniert wird – so dass sie Bhishma, der nur von einer Frau besiegt werden kann, in der Schlacht zu töten vermag.

Auf eine Version der indischen Schriftstellerin Karthika Nair bezieht sich Akram Khan in „Until the Lions“, seiner mit drei Tänzern und vier Musikern ungemein dichten, gut einstündigen Aufführung, die jetzt ihre Deutschlandpremiere beim Wolfsburger Movimentos-Festival hatte. Nair wiederum bezieht sich auf einen Satz des Nigerianers Chinua Achebe: „Bis die Löwen ihre eigenen Historiker haben, wird die Geschichte der Jagd immer den Jäger rühmen.“ Für „Löwen“ könnte man sich wohl „Frauen“ denken, „Jäger“ durch „Mann“ ersetzen.

Khan, Jahrgang 1974, tanzt selbst den Bhishma, seinen Bühnenabschied in absehbarer Zeit bereits ankündigend. Doch ist er hier noch einmal der quecksilbrig das Vokabular diverser Bewegungssprachen Mischende, als der er vor Jahren nicht wenig Aufsehen erregte. Den sohlenklatschenden Rhythmus, die Zierlichkeit und die expressiven Hände des Kathak verbindet er bruchlos mit modernem westlichem Tanz. Bezirzend fremde, galoppierend und lauernd tierhafte Sequenzen hat er für die androgyne Christine Joy Ritter choreographiert. Und Ching-Ying Chien ist eine so leichtfüßig wirbelnde wie in manchen Momenten wütend herrische Amba. Alle drei Tänzer sind ein Ereignis.

Rituelle Leidenschaft

Allerdings darf man sich „Until the Lions“ nicht als eine Art indisches Handlungsballett vorstellen. Eine riesige, von Rissen gedrittelte Baumscheibe (Bühne: Tim Yip) ist vielmehr Arena einer fast rituellen Leidenschaft wie auch Abrechnung. Bambusstäbe stecken zunächst in den Rissen, ein dunkler Tonkopf liegt auf der Scheibe, wird dann auf einen der Stäbe gesteckt wie ein Menetekel. Im Halbkreis am Rand sitzen die Musiker, der Baum- wird auch zum Resonanzboden.

Wie der Tanz integriert auch die von Vincenzo Lamagna für „Until the Lions“ komponierte Musik verschiedenste Einflüsse, von dunkel grollenden Schlägen bis hin zu westlichem Sakralgesang. Wie Straßenmusiker umrunden Lamagna, Sohini Alam, David Azurza und Yaron Engler auch mal das Bühnenrund. Und nehmen eine ausgelassene Amba in ihre Mitte, ehe diese Rache übt, der Boden sich aufbäumt, Feuer und Rauch aus den Rissen steigen, die Erde brennt und Bhishma stirbt.

Es gibt keine laue, lässige Bewegung in dieser Choreographie, Akram Khan lädt jede Geste, jede Berührung auf in feinziselierter Gespanntheit. Diese Körper gehen aufs Ganze. Überlebensgroß und symbolisch sind einerseits die Figuren, die hier dargestellt werden; andererseits sind ihre Emotionen und Beziehungen nur allzu wiedererkennbar menschlich – und zerstörerisch. Rund um sie liegt zuletzt die Erde wie verheert.

Mit Akram Kahn, einem der international gefragtesten Choreographen, und seiner erst im Januar uraufgeführten Arbeit schmückt sich für diesmal noch ein Festival, das seit 14 Jahren von der Autostadt und also vom VW-Konzern getragen wird. Wie es mit dessen Kultursponsoring angesichts der immensen finanziellen Belastungen durch den Abgasskandal 2017 weitergehen kann, ist ungewiss. Vorerst hat man die Movimentos nur ein wenig verkleinert.

In der großzügigen Grünanlage des Autostadt-Geländes wölben sich über Nacht schützende Hauben über unter Umständen durch Kaninchenzähne bedrohte Blumenbeete. Der Tanz als vielfach vernachlässigte und oft am finanziellen Katzentisch sitzende Kunstform wird in Wolfsburg unter Umständen bald nicht mehr sorgsam behütet sein.

Movimentos in Wolfsburg: „Until the Lions“ am 22., 23. April. Festwochen bis 10. Mai. www.movimentos.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare