Jahrhunderthalle

Und der König schüttelt das Haupt

  • schließen

Rhythmus über Pathos: Robert Fripps King Crimson in Frankfurts Jahrhunderthalle.

Der König trägt heute keine Krawatte. Das ist erstaunlich, denn er pflegt sich bei seinen Auftritten als Buchhalter zu verkleiden: weißes Hemd, schwarze Weste und Schlips. Und er hätte allen Grund für einen feierlichen Aufzug. Denn er begeht ein Jubiläum: Seit 50 Jahren nun residiert er als Regent im Reich progressiver Rockmusik. Jetzt gewährt er, als zweite Station nach Leipzig, gleich zwei Mal den Frankfurtern in der Jahrhunderthalle Audienz. Und kündigt sich (nach dem Fotografier-Verbot) mit den Worten an „Let’s have a party!“

Nun stellt sich im Laufe des Abends allerdings heraus, dass seine Vorstellung von „Party“ womöglich eine andere ist als die seiner Gefolgschaft. Zwar stimmt er zu Beginn bei Lerchenzungen in Aspik („Lark’s Tongue in Aspic“) mit federleichten Fingerklavier-Figuren sanft ein, aber dabei bleibt es nicht. Schon bald werden die Lerchenzungen in Blei gegossen. Und auch bei „Circus“ kann keine Rede sein von Leichtigkeit der Akrobaten an ihren Instrumenten. Denn der König verlangt zuerst (auch wenn er später ein Werk namens „Indiscipline“ präsentiert) Disziplin. Es gilt schließlich, die Königin zu ehren: die Musik.

Deshalb geht es streng zu im Reich von King Crimson, wo der Schlüsselverwalter die Träume einsperrt, und die schwarze Königin den Begräbnismarsch intoniert, wo die Wände mit den Inschriften der Propheten Risse bekommen und die Sonne auf die „Instrumente des Todes“ scheint, denn das Schicksal der gesamten Menschheit ist in der Hand von Narren (als Pete Sinfield die Zeilen von „Epitaph“ schrieb, konnte er noch nichts von Donald Trump und Wladimir Putin wissen).

Die Texte würden schon genügen, um Partystimmung zu ersticken, aber auch die Musik des Robert Fripp lädt nicht zum ausgelassenen Tanzen ein (weshalb die Ansage sich als pure Ironie erweist). Wer kann sich schon synchron zu Sieben- oder Elf-Achtel-Takten und diesen häufigen Tempowechseln bewegen? Doch das macht zugleich die Faszination der Kunst von King Crimson aus, diese Dialektik von Pathos und Rhythmus. Der orgelschwere Sound des von Fripp in den Prog-Rock gebrachten Mellotrons und der tief raunende Bass werden gebrochen vom Spiel mit vertrackten Metren.

Deshalb erhöht die aktuelle Besetzung mit drei Schlagzeugern (Pat Mastelotto, Gavin Harrison und Jeremy Stacey, der auch die Rolle des Pianisten zu schultern weiß) die Komplexität der Musik noch einmal. Tony Levin kann auf seinem Chapman-Stick perkussiv spielen, und der Meister selbst nutzt die Gitarre oft als Rhythmus-Instrument; seine rasend schnellen Soli bestehen dann nicht aus Läufen, sondern stakkato-artigen Sprüngen. Dass er natürlich auch Figuren zu zaubern weiß, die auf die Schönheit des Klangs vertrauen, zeigt sich etwa im als Zugabe gebrachten „Starless and Bibleblack“ (nach einem Text von Dylan Thomas): eines der berückendsten Themen des Frippschen Œuvres.

Auch tut die Rückkehr von Mel Collins der Band gut, der mit seinen Saxophonen und Flöten einen melodischen Oberton hinzufügt, der bisweilen lyrisch, bisweilen eruptiv-rockig, die entfesselten Kräfte der Schlagwerker zusammenzuhalten scheint.

Was bei der Mischung aus Kompositionen der Anfangszeit und denen der späteren KC-Formationen auffällt: Stücke wie „In the Court of the Crimson King“ oder „Epitaph“ scheinen heute eher unterkomplex angesichts solcher Energie-Wirbel wie etwa in „Red“ oder „Radical“. Zugleich aber wirken die Klassiker, live gespielt, befreit vom Bombast der Studio-Produktionen. So bringen die sieben Musiker (mit Jakko Jakszyk, Gitarre und Gesang) eine hübsch filetierte Version des frühen „Cat Food“. Und nachdem das Publikum (es waren auch Frauen darunter ...) beim Signatur-Stück am Ende wieder einmal zu früh applaudiert hat, schüttelt der König leise lächelnd das Haupt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion