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Nach dem Sturm: Nicolas Brieger als ziemlich fröhlich phantasierender Lear. Karl und Monika Forster
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Nach dem Sturm: Nicolas Brieger als ziemlich fröhlich phantasierender Lear. Karl und Monika Forster

Staatstheater Wiesbaden

„König Lear“: Der quengelige alte Mann

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Uwe Eric Laufenbergs vor allem geschäftsmäßig wirkender „König Lear“ im Staatstheater Wiesbaden

Als „hochaktuell“ sieht im Programmheft zum Wiesbadener „König Lear“ Sabine Schülting die „bad girls“, bösen Mädchen Goneril und Regan. Sie weist jedoch darauf hin, dass zu Shakespeares Zeit beim weiblichen Geschlecht keineswegs von Passivität und Sanftmut als Norm ausgegangen wurde. Wo die Frau das ist, bedient sie sich der Verstellung, tarnt ihre animalische Natur. Cordelia, wahrhaftig und still, wäre damit die leuchtende Ausnahme. Egal, ob eine Regie dieser These folgen möchte, so stellt doch die Bösartig- und Grausamkeit der zwei älteren Töchter, die Duldungsfähigkeit der Jüngsten für heutige Theater-Deutungen ein Problem dar.

In Wiesbadens Großem Haus hat Intendant Uwe Eric Laufenberg Shakespeares „König Lear“ in der feinen Übersetzung Frank Günthers jetzt vier Stunden (mit Pause) Raum gegeben. Und sich sicherlich einiges dabei gedacht, als er die Zwillinge Klara und Maria Wördemann als Cordelia und Narr besetzt: Denn der Narr ist ein Meister der Wortjonglage, trotzdem scheut er sich nicht, seine Meinung zu sagen. Eine Möglichkeit blitzt hier auf, wie Cordelia auch sein könnte: auf wirkungsvolle und letztlich sogar dem Frieden auf der Insel dienliche Weise beredt.

Aber es entsteht nicht eben viel aus dieser Zwillings-Besetzung. Wie überhaupt Laufenbergs „Lear“ zwar den Text respektiert, was ja wirklich kein Nachteil ist, der Regisseur in seiner Inszenierung auch eine durchaus angenehme Nüchternheit und Schnörkellosigkeit bevorzugt, aber in Rolf Glittenbergs spartanischem Bühnenbild – hohe Türöffnungen, eine lange schwarze Tafel, schwarze Stühle, grausteiniger Boden – sich partout kein roter Interpretations-Faden entrollen will.

Dabei gibt es diesen Moment, an dem die Kritikerin glaubt, jetzt erfolge noch eine Setzung, eine spannende dazu. Da findet es Lear unerhört, dass er keinen Ritter-Tross von 100 Mann mehr haben soll, sondern nur von 50 (Goneril und Regan werden begehren, dass das Gefolge weiter schrumpft, aber das weiß er noch nicht). Aus dem Off hört man seit einer Weile schon ein dichtes Gewebe aus Männerstimmen, sie feiern, trinken, singen. Und als dann noch auf der Bühnenrückwand ein Video eingeblendet wird, das Soldaten im millimetergenauen Stechschritt zeigt, denkt man: Es soll einem ein alter Mann gezeigt werden, der zwar freiwillig in Rente geht, der aber nicht sein kann ohne die Insignien der Macht und das Gefühl, dass er noch wichtig ist. Nicolas Brieger gibt als Lear folgerichtig einen herrischen, aber auch quengeligen Alten.

Man hat in diesem Moment Verständnis für Goneril, Christina Tzartzaraki mit erigiertem Haar-Turm, die 100 mutmaßlich gelangweilte Ritter großzügig dauerbewirten soll. Und vielleicht stimmt es ja, dass einige dieser Männer übergriffig sind, das Gesinde sexuell belästigen. Es dauert freilich nicht lang, da werden Goneril und Regan, Lina Habicht, zum Duo Infernale, wie man es kennt, geil dazu.

Aber auch die berechtigte Frage nach Lears Geltungssucht und Altersstarrsinn verläppert an diesem Abend. In Hintergrund-Videos (Gérard Naziri) sind nun schnell geschnittene Kriegsszenen zu sehen, Soldaten im Schützengraben, Bombeneinschläge, explodierende Krater, Hubschrauber, möglicherweise der Kampf um Bagdad. Gewiss, England wird durch die fatale Entscheidung Lears, sein Reich mal so eben zu teilen und die Teile auch noch den Falschen zu geben, in sinnlose Gemetzel gestürzt, trotzdem bieten sich andere Shakespeare-Dramen viel eher an, wenn es um die Gier nach Macht und die Sinnlosigkeit des Krieges gehen soll.

Hier liegt die Tragik im Privaten, liegt darin, dass zwei Väter, Lear und Gloucester, Uwe Kraus, den wahren Charakter ihrer Kinder nicht zu erkennen in der Lage sind. Aber bei Laufenberg überrennt Edmund, Linus Schütz als machohafter Kraftprotz, Papa Gloucester mit seiner Intrige. Und auch Lear zögert keinen Augenblick, Cordelia zu beschimpfen und verstoßen. Er sagt sich los von diesem „Monster“ – und erschrickt nicht über sich selbst und sein Standgericht.

Der Wiesbadener Abend hat etwas Geschäftsmäßiges, Routiniertes. Das sich übrigens auch auf die Kostüme von Marianne Glittenberg erstreckt: Schwarz-goldene Eleganz und Pumps für die bösen Töchter, ein weißes Kleid für die Gute, lange Unterwäsche für den wahnsinnigen (Ex-)König, Fast-Nacktheit für Edgar (Paul Simon), wenn er den Verrückten vortäuscht.

Trotz aller Professionalität wird dieser „Lear“ doch irgendwie abgehakt, nie springt ein Funke, kaum ein Fünkchen über. Dies auch nicht in der berühmten Sturm-Szene, in der Lear seinen Verstand verliert. Da wird die ganze Bühnenmaschinerie aufgeboten, senkt sich ein Boden, aus dem Grabsteine ragen, blitzt und donnert und schüttet es. Brieger gibt glücklicherweise nicht den großen Tragöden, er ist ein verwirrter alter Mann in einem Unwetter, aber sein getreuer Kent, Michael Birnbaum, versucht gefühlte drei Dutzend Mal, ihm eine Decke umzuhängen, die er entweder abschüttelt oder die von selbst runterrutscht. Womöglich ist das ja als Unterstützung für den Darsteller gemeint, aber es lenkt doch bloß ab.

Staatstheater Wiesbaden: 8., 10., 15., 17. Juli. www.staatstheater-wiesbaden.de

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