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Immerhin das ist noch wie früher: Vor dem Vorhang versammelt sich ein erwartungsfrohes Publikum.

Theater & Macht

Was ist das für ein Knistern?

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„Ich komme von Shakespeare!“ – „Finden Sie Ihr Bett nicht, großer Meister?“ Innerer Monolog eines Künstlerintendanten jetzt, wo das Geniezeitalter vorbei ist.

Der Kulturbetrieb hat im gerade vergangenen Jahrzehnt vermehrt Streitthemen entdeckt, die lange unterm Deckel geblieben sind, weil der Kunst einem folkloristischen Klischee nach etwas Hehres und Überirdisches anhaftet. Dazu passt schlecht die profane Klage über prekäre Arbeitsbedingungen, unter denen auch Künstlerinnen und Künstler an institutionellen, staatlich geförderten Theatern leiden. Die Vorstellung bröckelt, dass so ein Haus nur zentralhierarchisch organisiert und von einem allein entscheidenden, vom kunstreligiösen Funken entflammten Intendanten geleitet werden kann, der ein Haus für seine Selbstverwirklichung zur Verfügung bekommt. Kaum weniger problematisch sind die Schatten, die die neuen Ideale werfen, während die Sonne des Genies sinkt: Mitbestimmung, Kontrolle, Korrektheit, Transparenz und smartes Management. Es geht um die Verteilung von Macht und mithin von Gestaltungsspielraum. Der Verteilungskampf ist in den 2010er Jahren neu in Gang gekommen, wir stehen vor ein paar entscheidenden Niederlagen. Laden wir also, um nicht zu melancholisch zu werden, unseren Blick mit Ressentiments und werfen ihn auf einen dieser lange unantastbaren Kunstmonarchen.

Unser Genie hat eine Glatze, trägt Strickjacke und geht auf die 80 zu. Es sitzt in einem bordeauxroten Chesterfieldsessel. Müssen wir erwähnen, dass es ein Mann ist? Des Genius’ Hände liegen schwer auf den Armlehnen mit dem aufgeknüpften Rautenmuster, der Blick geht zum Fenster, hinter dem ein mondlichtdurchlöcherter nächtlicher Wolkenhimmel sichtbar ist. Ein leises Knirschen ist zu vernehmen, allerdings nur von dem Herrn selbst, ein kieseliges, reibendes, fast schon quietschendes Knirschen. Was ist das?

Eine Bankierlampe mit grünem Glasschirm lässt ihr Licht über den Namhaft-Namenlosen und den Couchtisch fallen, auf dem in trauter Zweisamkeit ein Katalog für Design-Möbel und das Typoskript eines Stücks liegen. Mit einem Seufzer schiebt er seine Lesebrille von der Stirn auf die Nase, beugt sich ächzend vor, zögert – und blättert in dem Katalog. Aus seinem Gebrabbel sind erst einzelne Worte, dann ein paar zusammenhängende Gedanken auszumachen.

„1380 Euro, 1650, ah, hier, 1800 … ist doch gar nicht so … (rufend) Basti! Basti? … ist dieses Stehpult hier höhenverstellbar? … Herr Chefdramaturg? Wo steckt er? (für sich) Hockt er mit den Ensemblesprechern zusammen? Beim Casting? Bei einer Jurybesprechung? … Obwohl – jetzt? Um zwei Uhr morgens? Wenn man ihn mal braucht. Mein Rücken! Sitzen ist Gift. Fehlt nur noch, dass ich das Stehpult aus meinem privaten Vermögen bezahle. Was weiß ich, wie viel ich aus dem Ausstattungsetat nehmen kann …“ Er streichelt den Sessel. „Das ist Qualität (ironisch): mein Thron. Ach, das regelt Biggi. Überhaupt, ausgeglichene Bilanzen sind was für Spießer. Auslastungsfetischisten. Ich renne dem Publikum nicht hinterher! Noch ist es umgekehrt. Na ja. Was erwarten die denn?“

Der Genius blinzelt. Sein inneres Auge wird von Rampenlicht geblendet. Jubel schwillt an, eine Schauspielerin mit nassen Haaren, verwischter Schminke und einem für den Schlussapplaus über ihre Blöße geworfenen weißen Bademantel rennt auf den Genius zu, greift seine Hände und zieht ihn an die Rampe. Im Scheinwerferlicht wirft sie die Arme um ihn, küsst ihn. Der Genius breitet die Arme aus, nickt dem Publikum zu, sucht den Blick der vereinzelten Buh-Rufer und entrollt seinen Mittelfinger.

Der Genius wacht wieder auf, greift zum Stück und pfeffert es in die Ecke. „Politisches Theater? Mit fünf Frauenrollen über vierzig? Schrott!“ Die Lesebrille fliegt hinterher. Rufend: „Ich les den Scheiß nicht, Basti! Ich lass mir doch von diesem Gremium keine Vorschläge machen. Scheiß Mitbestimmungskindergarten. Ist doch schon ’68 gescheitert. Nicht mit mir! Ich komme von Shakespeare. Ich mach den Hamlet und fertig. Mit Hansen, wie 1994 in Salzburg. Wie die geschimpft haben! Nazis. Es ist was faul, im Staate Österreich! Da waren sie still. Da war es kalt im Saal. Das kann er, der Hansen. Einen Gedanken wie einen Arschtritt platzieren. Zu alt? Bisschen fett geworden vielleicht, der Gute, aber nicht so ein labernder Softie wie diese Glatten aus den Schulen heute, die in Ohnmacht fallen, wenn sie ihrer Kollegin auf der Probe mal eine runterhauen sollen. Hansen packt auch mal zu. Mal gucken, ob ich die Schreiner nach der Geschichte damals noch mal als Ophelia kriege. Zicke. Aber tolle Frau. Großes Talent, schön griffig. Nicht wie diese Ballettmiezen. Von wegen zu alt. Wenn das mit dem Rücken nicht wäre. Ist das Ding nun höhenverstellbar?“

Er beugt sich erneut über den Katalog, dann laut: „Biggi! Wo ist meine Brille? Saftladen. Ich reiß mir hier für alle den Arsch auf! Sitze beim Kultursenator auf dem Schoß! Längst dicht gemacht hätten sie dieses Theaterchen schon, wenn ich es nicht übernommen hätte, damals, mit meinem Namen. Wo wärt ihr ohne mich? Biggi! Basti! Wo seid ihr?“

Der Genius feuert nun auch den Katalog in die Ecke. Das Ding ist noch nicht gelandet, da hat er schon den Blick verloren und den Grund seiner Wut vergessen. Er gähnt, und wieder hört er das leise Knirschen. Ist das die Bandscheibe? Oder Druckausgleich im Innenohr? Ein Tinnitus?

Da ist sie wieder, die Wut. „Ich stehe auch Tag und Nacht zur Verfügung, ich schalte mein Gehirn nicht einfach ab. Das arbeitet! Das formt! Das drückt sich aus! Kunst machen wollen, aber nur von neun bis fünf oder wie? Damit genug Zeit ist, die Kohle zu verpulvern. Immer schön hoch mit der Mindestgage. Können wir alles beim Bühnenbild wieder einsparen.“ Er heftet seinen Blick ans Mondlicht, erhebt sich, legt die Hände hinter dem Rücken zusammen und schreitet scheinbar ziellos zu einer Chippendale-Kredenz mit kristallverglastem Vitrinenaufsatz. Mondlicht fällt auf einen bleichen lorbeerbekränzten Shakespeare-Gipskopf und umgibt ihn mit einer milchigen Aura. „Hamlet“, Salzburg 1994. Einen Moment lang schauen Shakespeare und der Genius einander in die Augen, in der Spiegelung sieht es so aus, als kröne der Kranz des Künstlerintendanten Haupt. Dann öffnet er den Schädel – den von Shakespeare – und zieht eine versteckte Flasche mit japanischem Single Malt daraus hervor. Wie das funkelt! Er saugt den torfig rauchigen Atem der 16 Jahre lang gereiften Spirituose durch die Nase ein und nippt.

„Gebrannt haben wir früher für das Theater. Lichterloh. Wir haben nicht gefragt, wann wir uns um irgendwelche Gören kümmern sollen. Wir haben unsere Tantiemen gezahlt, wenn uns irgend so ein Fräulein Superstar ein Kind angehängt hat, weil ihr die Karriere zu viel Mühe macht. Gezahlt und fertig. Quatsch, Alimente, meine ich. Deswegen bin ich überhaupt rein in die Leitung. Weil ich die Kohle brauchte. Gebettelt haben sie, dass ich ihnen ihr Theater rette! Gut, ich mache euch den Intendanten, aber dann müssen die Bedingungen stimmen. Gage, Dienstwagen, Chauffeur und freie Hand beim Budget. Und jetzt muss ich wegen jedem kleinen Sessel oder Stehpult beim Geschäftsführer zu Kreuze kriechen. Bitte, bitte, du Wicht! Vieraugenprinzip! Wenn ich das nur höre, rutscht mir die Energie in den Keller. Da wird er mir schlaff. Ist ja in diesem Lande wichtiger als künstlerische Freiheit. Immer schön alles kontrollieren, das können die Deutschen. Da sind sie groß. Hatten wir ja schon mal. Spießer.“

Das Knirschen schwillt an. Das Genie lauscht und weiß nun, woher das Geräusch kommt: Aus jenen Furchen des Gehirns, durch die in solchen Nächten einst reißende Gedanken strömten, aus geheimnisvoller – göttlicher? – Quelle gespeist und angetrieben von den Kräften des Geistes, des Willens, der Lust, aber auch von Verzweiflung, Qual und Todessehnsucht. Ströme wie Naturgewalten, die die Glut der Traditionen auslöschten, Konventionen mit sich rissen: Der Rausch der Inspiration! Nun also dieses leise Knistern, mit dem das Nass zwischen Kieseln versickert.

Die Tür geht auf, und Schwester Brigitte tritt ein: „Habe ich doch richtig gesehen, es ist noch Licht im Aufenthaltsraum. Finden Sie Ihr Bett nicht, großer Meister?“ Der Genius grinst erst hasserfüllt, dann lüstern, dann dankbar. Er gähnt und lässt sich den Weg in sein Zimmer zeigen. Es ist noch nicht lange her, dass er in die Baden-Badener Künstler-Residenz gezogen ist. Ins Theater geht er schon seit Jahren nicht mehr.

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