Taumel inmitten von Plastikbechern: Szene aus „In Terms Of Time“ von Tim Etchells.
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Taumel inmitten von Plastikbechern: Szene aus „In Terms Of Time“ von Tim Etchells.

Tanztheater Wuppertal Pina Bausch

Es knirscht und splittert

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Das Tanztheater Wuppertal hat sechs Jahre nach Pina Bauschs Tod einen ersten Abend mit Uraufführungen gewagt, mit drei Stücken von vier Choreographen.

Sechs Jahre nach Pina Bauschs Tod hat das Tanztheater Wuppertal unter der künstlerischen Leitung ihres langjährigen Tänzers Lutz Förster den Schritt getan, der unausweichlich war: neue Choreographien in Auftrag zu geben. Zwar tourt das Ensemble nach wie vor mit Bausch-Stücken erfolgreich um die Welt, zwar nimmt man auch für Wuppertal immer noch Altes und Ältestes wieder auf, aber eine langfristige Zukunft kann es für das Tanztheater nur geben (die Finanzprobleme Wuppertals jetzt mal beiseite), wenn wenigstens ab und zu Neues dazukommt.

Die ungeheure Last der allerersten Uraufführung – denn natürlich würde jedes Stück, egal, wie anders es ist, mit den Werken der großen Pina verglichen werden – wurde auf mehrere Schultern verteilt: Einen insgesamt dreistündigen Abend bespielen nun der Brite Theo Clinkard, in Deutschland ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, das französisch-argentinische Duo Cecilia Bengolea und François Chaignaud, schließlich Tim Etchells, Kopf der englischen Theatergruppe Forced Entertainment. Er ist kein Choreograph, aber ein so ausgefuchster Theatermann, dass er sich traute, mit einigen Szenen richtig pina-bauschig zu werden. Das aber zu lang.

Ein mittelguter Abend nur

Es ist ein allenfalls mittelguter Abend geworden; keiner der vermutlich doch sorgsam ausgewählten Beteiligten ist irgendwie wichtig für die Entwicklung der Tanzkunst – noch nicht mal wahrscheinlich für die des Ensembles. Clinkard und Bengolea/Chaignaud mischen auf karg möblierter Bühne zusammen, was derzeit gern gemischt wird an Formationen und disparaten Tanzstilen. Etchells hat äußerst charmante Einfälle, die er aber dann teils ins Ermüdende dehnt. Vielleicht ist aber ohnehin das Entscheidende: Der erste Schritt ist getan, weitere Uraufführungen werden nicht mehr mit ganz so viel Erwartung und unausweichlicher Enttäuschung belastet sein. Und wenn es die Zeit bekommt, wird das „Tanztheater Wuppertal Pina Bausch“ womöglich sogar eine normale Company werden können, die zwar ein bedeutendes Erbe pflegt, aber daneben ganz selbstverständlich auch Werke anderer Choreographen zeigt.

„Somewhat still when seen from above“ nennt Clinkard seine gut halbstündige Choreographie, es wird auch gleich – „from above“ – eine hohe Leiter aufgebaut, ein Bühnenarbeiter betätigt von oben eine Nebelmaschine (Bühne: Clinkard). Weitere Leitern kommen hinzu und immer mal wieder zieren kleine Theaternebelwolken den Himmel über den neun Tänzern.

Rastlos und ein wenig ratlos

Rastlos und auch ein wenig ratlos wirkt die Choreographie. Probenatmosphäre bestimmt den Beginn, jeder tanzt für sich allein zu Industriegeräuschen und Stimmen (Komposition: James Keane). Abrupt wechselt die Musik ins Nette, Swingende und formiert sich das Ensemble, um schnell schon wieder zu zerfallen. Es wird viel durcheinander gelaufen, auch mal gesungen. Als weitgehend Vereinzelte erscheinen die Akteure. Kein Halt, nirgends, aber auch keine konsequente Härte und Kälte. So dass zuletzt der Eindruck von Beliebigkeit bleibt.

Ähnlich dann „The Lighters. Dancehall Polyphony“ von Bengolea/Chaignaud, das seine Vielstimmigkeit schon im Titel trägt. Auch hier singen die Tänzer, ausführlich und anspruchsvoll, etwa zwei Lieder der Renaissance-Komponisten Orlando Gibbons und John Wilbye. Sie tragen auch mal Lichtlein durch den Raum wie Mönche beim Gebet. Sie tanzen auch mal heftig, sexy auf zu jamaikanischer Dancehall-Musik. Dazwischen: ein Ringelreihen. Dazwischen: Ditta Miranda Jasjfi, wie sie intrikat, lieblich ein Solo tanzt, wie sie es immer bei Pina Bausch tanzte (aber warum so unvermittelt? Eine Verbeugung? Eine Ironie? Ein Versehen?). Dazwischen: ein Text von Kate Tempest mit der schönen Zeile „every storm that’s ever blown, blows in me“. Stürme also, innerliche. Es gibt einen Leidensmann in pinkfarbenem Body. Es gibt einen Strapse-Träger mit Halskrause. Baströckchen tanzt neben Samtumhang. Rike Zöllner, die die Kostüme für alle drei Stücke verantwortet, hat hier so wüst gewürfelt, dass sie den optischen Zerfall der „Dancehall Polyphony“ noch fördert. In 40 Minuten Dauer entsteht keine Linie.

Tropfen nachahmen

Tim Etchells dann lässt die rauchstimmige Nazareth Panadero Tropfen nachahmen. Lässt Regina Advento sich mit Puderzucker bestäuben und auch selbst hingebungsvoll abschlecken (was für eine Bausch-Szene!). Julie Shanahan ist sechs Jahre nach dem Tod Pinas einmal mehr die kühle Blonde, die hier im Arm den Feuerlöscher, in der Hand das Feuerzeug trägt. Mit Plastikbecher-Pyramiden stürmen die Tänzerinnen und Tänzer die Bühne, alles fällt, knirscht und splittert bald unter den Füßen. Wohnzimmerpflanzen wandern durch das blitzende Plastik. „Can you see me?“ tönt es dahinter hervor. Fernando Suels Mendoza gewinnt den Luftballon-Wettbewerb. Dann reiht sich das Ensemble an der Rampe und grimassiert, was das Zeug hält. Es greift sich blaue Müllsäcke und fängt in den Ecken und diversen Höhenlagen der Bühne Luft ein. Auch das hätte von Pina Bausch erdacht sein können.

„Thank you“ sagen, fragen, rufen, kreischen sie zuletzt, die herrlichen Individualisten, die überwiegend noch Pina Bausch auswählte. Von ihnen würde man sich (fast) alles zeigen lassen, auch einen nicht so ganz plausiblen Abend wie diesen.

Wuppertal, Opernhaus: 22., 23., 24. September. www.pina-bausch.de

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