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Das ganze Repertoire, angefangen mit Anschrei-, Anhimmel- und Anmachszenen: Birgit Minichmayr als Judith und Martin Wuttke als Holofernes.

Berliner Volksbühne

Der Klops der Kreatur

Ein vorbildlich quälender Volksbühnenabend: Hausherr Frank Castorf inszeniert Friedrich Hebbels „Judith“.

Von Ulrich Seidler

Frank Castorfs neue Inszenierung – ein fünfstündiger Assoziationsklops, in den unter anderem das titelgebende Enthauptungsdrama „Judith“ von Friedrich Hebbel hineingeknetet ist – lässt auch für den wackersten Volksbühnenmasochisten nichts zu wünschen übrig. In aller Ruhe kann man die Stufen des seelischen Schmerzes und der geistigen Unterwerfung hinabsteigen. Immer resistentere innere Widerstände sind zu überwinden, immer einsamer wird es um einen, immer dunkler und verwirrender. Viele Zuschauer steigen zwischendurch aus, nicken ein, schimpfen vor sich hin, tun so, als durchblickten sie des Meisters tiefste Absicht, lächeln bitter über seine Eitelkeit und süß über die Lust der Spieler, genießen den Schauder pathetisch-profaner Austreibungsriten – und sie bleiben bis zum Schluss.

Von Kreuzschmerzen bleibt man diesmal verschont. 329 echte Stühle stehen auf der Bühne, so dass man in die Weite von Bert Neumanns Asphalt-Zuschauer-Halle hinauf zur kyrillischen Coca-Cola-Neonwand blickt. Die Sitzsäcke sind in der Mitte aufgestapelt, links stehen drei BSR-orangene Beduinenzelte, oben hängt die Videoleinwand, auf der der Großteil des Abends spielt. Ein Wassergraben teilt Zuschauer- und Spielraum. Er wird im Laufe der Zeit austrocknen wie die Brunnen der von Holofernes belagerten jüdischen Stadt Bethulien.

Judith, die schöne jungfräuliche Witwe, wird die Stadt retten, indem sie dem grausamen assyrischen Feldherrn im Schlummer den Kopf abschneidet, wie es in den apokryphen Schriften heißt, nicht ohne vorher seiner Männlichkeit zu verfallen und darüber in Glaubenszweifel zu geraten, wie es Hebbel zuspitzt. Aber bevor es überhaupt losgeht, wird Fremdtext verkippt.

Natürlich kommt man beim Thema Köpfen sofort auf die IS-Henker in Syrien, aber das ist einem Castorf zu platt. Er taucht tief hinein in die kultische Geschichte von Emesa, dem heutigen Homs, wo der antike Sonnengott Elagabal verehrt wurde, in einem Tempel mit einem heiligen Stein. Wir erfahren, dass Kaiser Varius Avitus Bassianus den Stein im dritten vorchristlichen Jahrhundert in die Reichshauptstadt Rom brachte und Elagabal über Jupiter stellte, was für Empörung sorgte, so dass der Kaiser zusammen mit seiner Mutter ermordet wurde – ein brutaler Tod in den Latrinen des römischen Militärs.

Brockenweise vor den Latz gekübelt

Wir erfahren das natürlich nicht nur einfach so, sondern kriegen das brockenweise vor den Latz gekübelt, während auf der Leinwand Bilder von den Ruinen Palmyras zu sehen sind: Birgit Minichmayr, Martin Wuttke, Jasna Fritzi Bauer und Mex Schlüpfer schreien uns wie abgedriftete Volkshochschullehrer an, krabbeln dabei über den über alles erhabenen Sitzsackhaufen.

Dieser Haufen, wie er da ruht, mal schwerelos im fahlen Nebelschein zu schweben scheint, mal wie ein schwarzes Loch alles Licht einsaugt, dieser lebende Stein wirkt immer mehr wie ein gigantischer Kackhaufen, wie die Hinterlassenschaft, mit der sich welche Gottheit auch immer von ihrer Schöpfung verabschiedet hat. Ein indifferenter Brei, in dem alles, was einmal Bedeutung hatte, miteinander vermengt ist. Auf diesem, um das Wort noch einmal zu verwenden, Klops wimmeln die desorientierten, verwaisten Menschen herum. Kein Wunder, dass sie sich im Fall von Holofernes selbst erheben und für unverletzlich halten.

Wuttke legt den Tyrannen als lebensgierigen Trotzkopf an, als tödlichen Giftzwerg mit Nasenring und dürrem Hinterkopfhaarschopf, den man nötigenfalls zum Hitlerscheitel vorkämmen könnte und der nach der Enthauptung gerade so als Griff taugt. Minichmayr bewahrt sicher ihre sehr eigene Balance zwischen Schmollen und Entsetzen, zwischen Verdorbenheit und Glamour – besonders im goldenen Kleid mit schwarzer Perücke scheint sie dem Judith-Bild von Gustav Klimt entstiegen zu sein. Nicht dass die beiden keine schönen Anschrei-, Anhimmel- und Anmachszenen miteinander hätten, aber meist übernimmt die Dienerin Mirza, in spannkräftig-zerbrechlicher Gestalt von Jasna Fritzi Bauer, den Dialog. Vermutlich, um den Zugang zum Geschehen immer wieder zu verbauen.

Dazu trägt auch Mex Schlüpfer mit sachdienlich eingeschrieenen Lexikoneinträgen bei sowie ein 20-köpfiger Chor, der das Volk der Hebräer darstellt, aber auch schon mal eine geschlagene halbe Videostunde ein Baudrillard-Seminar abhält.

Ebenfalls schön ist auch ein Pulk von Zuschauerpuppen, hoch oben vor dem Coca-Cola-Horizont: lauter Schaumgummi-Henry-Hübchens, die bei Castorfs „Baumeister Solness“ malträtiert wurden.

Als dann auch noch ein Kamel hereingeführt wird – für viel Geld vom Zirkus Berolina ausgeliehen, wie es heißt – und man in seinen dunkelfunkelfragenden und irgendwie auch schuldbewussten Blick gerät, wird einem ganz warm ums Herz bei dem Gedanken, dass es vielleicht genau so eine von den Macken der Menschen überforderte Kreatur war, die da vor Angst ins Theater geschissen hat. Nach fünf zermürbenden Stunden gibt es einen erstaunlich kraftvollen Schlussapplaus.

Volksbühne, Berlin: 23., 28. Januar, 12. , 20., 24., 25. Februar. www.volksbuehne-berlin.de

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