+
Nicht Alice im Teddyland: Szene aus „La niña helada/ The frozen little girl“ von Patricia Martinez.

Ferienkurse für Neue Musik

Klingende Selbstversuche

Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik: Fünf Kurzopern-Uraufführungen und eine Entscheidungsschwäche der Jury.

Von Bernhard Uske

#bigimage[0]

Es soll der Beginn einer Renaissance sein: die Pentalogie von Kurzopern-Uraufführungen, die am zweiten Tag der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik im Großen Haus des Staatstheaters über die Bühne ging. Anknüpfend an und wieder aufleben lassend nämlich eine zwanzig Jahre währende Zusammenarbeit, die das Staatstheater (damals noch Landestheater) mit den Kursen der musikalischen Avantgarde von 1946 bis 1968 pflegte. Einen „Internationalen Musiktheaterwettbewerb Darmstadt“ hatte die Oper ausgeschrieben und aus 160 Einsendungen jetzt fünf Stücke ausgewählt, um nach deren Aufführung, mittels einer Jury, einen Preisträger auszurufen, der in zwei Jahren dann eine weitere Oper für Darmstadt schreiben dürfe. Auch ein Publikumspreis sollte vergeben werden.

Es war ein langer Abend und er wurde lang und länger, weil der Aufführung ein Palaver der Jury (auf offener Bühne) folgte, die nicht nur mit einem „alles war doch sooo toll, und jetzt sollen wir so schrecklich sein und eine Bestleistung herausstellen“ nervte, sondern zuletzt sich über eine Verbreiterung ihrer Entscheidungsbasis erst noch einmal schlafen legen wollte. Zum Einschlafen war bereits vorher die pädagogische Provinzialität, vor jedem Stück von Opern-Intendant und Ferienkurs-Leiter sich auf Deutsch und Englisch das vorlesen zu lassen, was genau so zweisprachig auch im Programmheft abgedruckt war.

Glücklicherweise stand dem diskursiven Dilettantismus die Professionalität operaler Leistung gegenüber in Gestalt diverser Ensembles des Staatsorchesters Darmstadt, der engagierten Solisten und der überlegenen Leitung Johannes Harneits. Man hatte es mit durchgängig eher ruhigen, flächenhaften, sich oft grundtönig ausrollenden Klangformen zu tun, mal tonal durchwirkt, mal breiig oder gekörnt bis ganz ausgedünnt. Bezüglichkeiten vom Klang zur Textvorlage waren kaum auszumachen. Alles war mehr Klang-Design, Soundspace, Färbung, Atmosphäre.

Am Klanghorizont

Die an den mittleren Nono mit seinen vokalisen Klanghorizonten erinnernde Musik von Marta Gentilucci (43, Italien) hätte auch einem Auschwitz-Oratorium, einer kosmischen oder naturalen Szenerie gut gestanden. Tatsächlich ging es in „(On) The Other Side of The Skin. Lullaby“ um weiblichen Körperklang in pantomime-artigem Gesten-Existentialismus. (Maria Gentilucci bekam Platz zwei und ebenfalls eine Aufführung zugesprochen.)

Die mittlerweile schon sehr betagte immerwährende Grenzgängerei neu-musikalischer Aktivität bekam von Carsten Hennig (49, Deutschland) ein Denkmal gesetzt mit „Selbstversuch“ (Publikumspreis), wo das Orchester samt Solisten in klassischer Positur den Rahmen bildet für eine Körpergrenzen-Überschreitung à la Dick & Doof-Tortenschlacht. Angestrengte und höchst bescheidene Komik mit Paul-Tillich-Zitat über den inneren Frieden als der Moral von der Geschicht’.

Hätte man es nicht vorher im Programmheft gelesen: „La niña helada“ von Patricia Martinez (43, Argentinien) wäre glatt als hübsche, surreale Szenerie büro-häuslicher Normalität durchgegangen mit seinen getragenen, leicht retrospektiven Klangbildern. In Wahrheit sollte es um Eltern gehen, die ihr Kind zwecks später eventuell möglicher Heilung einfrieren lassen.

Abel Paúl (32, Spanien) hatte sich die Raum-Zeit-Reflexionen in Alice im Wunderland vorgenommen und die so klaren wie irritierenden Sätze der Vorlage in einer grauen Klangwolke vernebelt: glücklicherweise gab es Übertitel.

Sivan Cohen Elias (40, Israel) braute sich in „.onion“ eine passende Melange aus Geräusch, Krach und Klang, um den horror vacui und das Pandämonium einer völlig verneerdeten Welt von Web-Idioten zum Klingen zu bringen. Sie wurde am Wochenende mit „.onion“ auf den ersten Platz gesetzt.

Übrigens war bei allen fünf Kurzopern des Abends die Regie das eigentlich generative Element. Wichtiger für die Situierung der Schöpfungen als deren Klang-Folien, die meist ganz aus konzertanten Perspektiven gedacht wirkten. Dirk Schmeding, Susanne Gauchel, Sebastian Gühne und Isabel Ostermann gaben als regieliche Werk-Kreatoren den Stücken beachtliche Gesichter im Verein mit Christoph Ernst (Bühne und Kostüme) sowie Vincent Stefan und Sebastian Franke (Audiovisualität).

Internationale Ferienkurse für Neue Musik, Darmstadt: bis 14. August. www.internationales-musikinstitut.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion