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Victor Klemperer auf einem Foto von Abraham Pisarek von 1946.
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Victor Klemperer auf einem Foto von Abraham Pisarek von 1946.

Lesung im Stream

Klemperer-Buch „LTI“ am Schauspiel Frankfurt: Vergiftete Wörter sollen unter die Erde

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches: Das Schauspiel Frankfurt erinnert an Victor Klemperers „LTI“.

Jeder Augenblick ist geeignet dafür, an Victor Klemperers schon 1947 erschienenes Buch „LTI“ zu erinnern, so auch dieser. In einer Lesung aus dem Schauspiel Frankfurt übernehmen das Caroline Dietrich, Stefan Graf und Wolfgang Vogler. Julia Weinreich hat es so eingerichtet, dass das Publikum an den heimischen Bildschirmen in weniger als einer Stunde einmal wieder alle Leichtfertigkeit im Umgang mit und im Reden über Sprache verliert.

Kaum noch vorstellbar, wie „LTI“, Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reiches, erst bei seinem Erscheinen gewirkt haben muss, als jeder im Ohr und Kopf hatte, was eben noch gesagt und geschrieben worden war. Als die allermeisten es selbst eben noch gesagt und geschrieben hatten. Der deutschjüdische Romanist Klemperer (1881-1960), der postum mit seinen Tagebüchern berühmt wurde, legt schon hier alles Wesentliche dar. Er macht deutlich, dass sich alles, was geschieht, in der Sprache zeigt. Diese kann dem Schrecklichen sogar – Sprache manipuliert und lässt sich manipulieren – vorausgehen.

Geschildert wird dies mit der erschütternden Zeugenschaft des Opfers, das das Ungeheuerliche aus nächster Nähe miterlebt. Die daraus erwachsende Dringlichkeit wird von Dietrich, Graf und Vogler beklemmend vermittelt, scharfe Analysen, die den Analytiker selbst auf Leben und Tod betreffen. Das ist eine irrsinnige Situation, deren Irrsinn in der Anspannung der nur knapp 50 Minuten greifbar bleibt.

Stets eine Prise „Volk“ dazu

Da sind die Nazi-Abkürzungen (BDM, HJ, DAF ...), die für Ordnung sorgen sollen und denen Klemperer spöttisch seine „LTI“ entgegenstellt. Da ist die penetrante Wiederholung weniger Schlüsselwörter – immer eine Prise „Volk“ dazu, wie das Salz ins Essen –, da ist dieser Drang zum Superlativ. Über die bizarren Wendungen scheint sich außer Klemperer keiner mehr zu wundern. „Das totale Spiel“ als Werbung für ein Brettspiel. „Der deutsche Lustspielfilm marschiert!“ als Zeitungsüberschrift. Da alles für sich selbst spricht, trifft es sich gut, dass die drei Lesenden ruhig nebeneinander an ihren kleinen Tischen sitzen. Jeder zusätzliche Furor, auch jede Rhetorik – um deren Wirksamkeit geht es ohne Unterlass, denn Rhetorik kann auch von Stumpfsinnigen für Stumpsinnige geboten werden – wäre unerträglich.

Andere Passagen nehmen in Notizen zum Tage die späteren Bücher vorweg. Klemperer wird gefragt, ob er eine deutsche Frau habe. Das, schreibt er, habe ihn mehr erschüttert als die Frage, ob seine Frau arisch sei.

So erfolgreich das Umwerten von Worten (gar nicht so sehr das Erfinden neuer Wörter) durch die Nazis, dass Klemperers Rat eindeutig ist: die vergifteten Wörter für lange oder für immer zu vergraben. Bei der Lesung wird – auch getreu Klemperers Abscheu gegen den Missbrauch von Superlativen – kein Versuch gemacht, das künstlich zu vergrößern. Es steht alles da.

Schauspiel Frankfurt: Video bis 29. März via www.schauspielfrankfurt.de

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