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Olga Wäscher in "Schlammland Gewalt".

Deutsches Theater Berlin

Mit kleinem Löffel

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"Schlammland Gewalt" von Ferdinand Schmalz blickt tief in den Verdauungskanal einer Dorfgemeinschaft.

In dem Prosastück „Schlammland Gewalt“ von Ferdinand Schmalz, das jetzt in der Box des Deutschen Theaters Berlin zur Uraufführung kam, geht es eigentlich um Liebe. Also um Verdauung. Und um Ordnung. Also, wie der Titel schon sagt, um Gewalt.

Unter dem Festzeltdach, auf das der Regen prasselt, geht es mit dem berühmten Flügelschlag eines Schmetterlings los. Kleine Wirbel Hass zerknistern beim Faltergeflatter an der Neonröhre. Es wird eine Schlammlawine daraus, die alle Beteiligten, wenn sie denn nicht vorher schon Opfer von Gewalt geworden sind, in den Tod reißt. Bis auf zwei von den Handelnden weitgehend ignorierte Randfiguren – die Gattin eines Büttels und der erzählende Hendlbräter. Sie ziehen sich in seinen Kühlwagen zurück, wo sie einander lieben, unter gut „paprizierten“ Hühnerkadavern, die an Fleischerhaken hängend das Schaukeln des Akts aufnehmen und mit den nackten Flügelchen Beifall klatschen. Sie werden ertappt, die Tür fällt ins Schloss, ist von außen verriegelt.

Doch statt den Kältetod zu sterben, begräbt besagte Lawine den Wagen unter sich, und unser Paar muss drei Tage zwischen dem als einprägsame metaphorische Warnung verderbenden Fleisch ausharren, bevor es von Suchhunden gewittert wird. Am Ende schließt sich ein Kreis. Wenn die beiden, gehüllt in goldene Rettungsdecken, einander küssen, knistert es wieder. Diesmal ist es nicht mehr der Hass, sondern die Liebe. Ein Happy End, dessen liebevoll ausdifferenzierten Verwesungsgeruch man noch lange in der Nase hat.

Überhaupt ist ja Schmalz, Gewinner des Ingeborg-Bachmann-Preises 2017, ein Autor, der seine deftige, rhythmisch portionierte Dichtung gern durch die geistigen Sinnesöffnungen einschiebt. Nicht nur Aromen, auch Konsistenzen und Temperaturen spielen eine große Rolle. So wird alles Psychische materialisiert, eingespeist in einen gesellschaftlichen Verdauungsprozess. Der Dichter vermag zugleich aus großem Abstand auf seine Figuren zu blicken, wie sie in den ewigen Dreckkreislaufes des Lebens eingehen, zugleich aber zoomt er sich ganz nah heran, bis das Dreckdetail funkelt.

Der DT-Regieassistent Josua Rösing hat diesen zehnseitigen Text in der so genannten „Limited Edition“-Reihe inszeniert, also mit wenig Probenzeit und kleinem Etat. Der Text wurde recht willkürlich auf drei Spieler verteilt – Thorsten Hierse, Caner Sunar und Olga Wäscher. In ihren Ganzkörperanzügen sehen sie wie gerupfte Hühner aus, gebaren sich aber leider nicht entsprechend, sondern servieren ihre Textportionen mit betont eindringlichen Blicken auf dem Tablett der Ironie. Dem Rhythmus der Sprache wird der des auf der Bühne platzierten Musikers Sebastian Deufel zugesellt, damit es besser rutscht. Eine Stunde Textmaterialisierungs- und Textverabreichungstheater: Vorsicht, nicht zu viel Schmalz auf einmal, und langsam genießen!

Deutsches Theater Berlin, Box: 7., 24. Januar. www.deutschestheater.de

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