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Fridolin Sandmeyer als Paketfahrer Jerome Siebold, Dietmar Bär als Politiker Heiko Braubach.

Schauspiel Frankfurt

Der kleine Wutbürger

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Dietmar Bär als Ministerialdirigent: „Furor“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, uraufgeführt von Anselm Weber am Schauspiel Frankfurt.

Den sogenannten Wutbürger und den Politiker als eines der Objekte seines Hasses schickt das neue Theaterstück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz in einen Nahkampf, wie er in der Realität selten vorkommt. Der Wutbürger meidet Eins-zu-eins-Situationen, und im Verlaufe von „Furor“ versteht man, warum. Nur die Hundert-zu-eins-Konstellation und mehr noch das Dunkel obskurer Internetforen scheint ihm jenen Schutz zu bieten, den er benötigt, um argumentativ und nervlich einigermaßen zurande zu kommen. Gelegentlich klickt er sich noch zur Kommentarfunktion der Onlineausgaben von Tageszeitungen vor, den anderen Objekten seines Hasses. So aber, Auge in Auge mit dem Feind, ohne gleichgesinntes Publikum, ohne gefühlte Mehrheit, einfach zwei Leute aus zwei Welten an einem Couchtisch, steht er mächtig unter Stress. 

Man kann das so allgemein sagen, weil Hübner und Nemitz kein Hehl daraus machen, dass sie keine Individuen, sondern Typen zeigen. Bei der Uraufführung des Auftragswerks am Schauspiel Frankfurt, inszeniert von Anselm Weber, geben Dietmar Bär als Ministerialdirigent Heike Braubach (56) und Fridolin Sandmayer als Paketausfahrer Jerome Siebold (29) ihren Figuren zwar ein eindrucksvolles Maß an karikaturfreiem Profil mit und sorgen engagiert dafür, dass nicht bloß Ideen, na ja, Phrasen präsentiert werden, sondern Menschen. Aber wir sind hier nicht im psychologisch feinsinnigen Kammerspiel, sondern bei einer aktuellen gesellschaftlichen Konfrontation, die in einer ungewöhnlichen Versuchsanordnung durchgespielt wird.

Ungewöhnlich ist sie, wie gesagt, vor allem, weil der Wutbürger dem Politiker selten alleine Rede und Antwort steht. Der Politiker ist schon eher bereit dazu. Das, wie gesagt, mag der Wutbürger, da findet er sich zurecht. Jetzt aber klingt Jerome Siebolds „Wir“ ein wenig erbärmlich, ärmlich. 
Heiko Braubach kennt sich damit aus, kennt es aus dem Netz, „und es ist fast schon deprimierend, dass du exakt dem Bild entsprichst, das man sich von diesen Trollen macht, wenn man sich mal überwindet, diese vergiftete Hetze zu lesen … . Jetzt sitzt so einer vor mir. Das ist interessant. Und? Wie ist es für dich? Auch interessant?“ Jerome Siebold: „Wie kommen Sie darauf, dass ich sowas schreibe? Ich habe es nur gelesen.“ Heiko Braubach: „Und du glaubst es natürlich.“ Jerome Siebold: „Ja klar. Weil es stimmt.“ 

Nein, der Wutbürger macht in „Furor“ keine gute Figur, der Politiker – der sich  nicht in die Karten blicken lässt – stellt sich geschickter an, so dass das Stück selbst den Wutbürger übrigens noch mehr aufbringen muss. Da wo der Politiker sich nicht geschickt anstellt – den Wutbürger das Gespräch weiter mit dem Handy aufnehmen lässt, obwohl er doch schon gewarnt ist –, spürt man eine gewisse Bescheidenheit der Dramaturgie des an sich spannenden Handlungsverlaufes, der aber eben doch eine theoretische Angelegenheit ist und sein soll. Hübner und Nemitz nehmen das vielleicht auch hin, um umso deutlicher zu machen, dass es ihnen am Ende nicht um eine Spannung geht, sondern um eine Anspannung. Eine Anspannung kann sich nicht so gut weiterentwickeln, sie tritt auf der Stelle. 

Braubach hat einen jungen Drogenkonsumenten angefahren, der auf der Flucht war, nachdem er seinerseits offenbar einen Kontrolleur geschlagen hatte. Der Polizeibericht sieht keine Schuld des Fahrers, das Internet weiß es aber besser (Jerome: „Da gibt es einige interessante Infos im Netz“). Jetzt besucht Braubach die Mutter des Opfers, Nele Siebold (46), eine Altenpflegerin, der Hübner, Nemitz und die Schauspielerin Katharina Linder Verzweiflung, Vernunft, Würde und Größe mitgeben, die mit Abstand menschlichste Figur. Jerome ist ihr Neffe, er will „die Verhandlungen“ führen, und während die Tante, hier noch gutmütig und -gläubig, ein paarmal um den Block geht, versucht er, Braubach zu erpressen und irgendwie fertigzumachen. Dass Braubach sich darauf einlässt, ergibt sich wohl aus einem Mix aus dramaturgischer Notwendigkeit (110 pausenlose Minuten Zeit sind dafür), Neugier und Aggression (äußerst glaubhaft, wenn Bärs Braubach nichts gegen eine kleine Schlägerei unter Männern hätte). Hinzu tritt am Rande und höchst vage die krimieske Möglichkeit, dass der Politiker doch etwas zu verbergen haben könnte. Wir wissen es nicht, wie wir überhaupt von Braubach nicht mehr erfahren als das, was sich so im Internet findet. 

Dass er selbst ein Aufsteiger mit nachgeholtem Schulabschluss ist, der dem Aufhilfsarbeiter darum mit der etwas penetranten Jovialität lebenserfahrener (früher sagte man: volksnaher) Politiker begegnet, ist für Jerome bitter. Dass Jeromes Arbeitsbedingungen der lebende Beweis dafür sind, dass weniger Anlass zu Optimismus besteht, als es der Politiker verströmt, ist für Braubach bitter. Braubach kommt damit klar, Jerome nicht. 

In der Phase der Argumentationsversuche wird das unvoreingenommene Publikum in ein nicht verblüffendes, aber intensives Wechselbad der Gefühle gesteckt. Der Wutbürger erweist sich dabei als arme Wurst, aber auch als gar zu geheimnisloses Wesen und als Waschlappen. Sandmeyers Siebold vibriert vor Nervosität, Überforderung und Trotz – einem Trotz, der ja manchmal nachvollziehbar ist, aber in seiner Pseudoinformiertheit verblödet. Unterschätzt „Furor“ ihn etwas? Der Politiker, angeödet vom „Gekeife der Zukurzgekommenen“, ist undurchsichtiger und eloquenter. Man kann den Eindruck haben, dass Bär den zum gerechten Zorn neigenden Tatort-Ermittler Schenk mit leiser Ironie mitlaufen lässt, wenn Braubach die Geduld verliert. „Der Mob langweilt mich. Früher dachte ich, man kann argumentieren, heute verstehe ich, warum manche Diktatoren auf die Idee kommen, ihr Volk zu unterdrücken – damit man endlich Ruhe hat von dem ständigen Gemecker. Reg dich nicht auf, das war ein Witz.“ Klar, borniert ist er auch. Beim Zuschauen ist keiner gezwungen, sich zu positionieren, aber jeder wird es tun.

Gespielt wird in Form eines Konversations- und Anbrüllstücks auf der großen Bühne im Schauspielhaus, durch eine vorgebaute Plattform zu einem Wohnräumchen verengt. Lydia Merkel vermeidet mit einfachem, aber schickem Mobiliar eine soziale Zuordnung von Nele Siebolds Haushalt. Dahinter eine Mietshausfassade, wie sie einem auch in Frankfurt bekannt vorkommt.

Ein Zueinander gibt es nicht. Das ist nicht überraschend, aber vielleicht trotzdem eine Klarstellung, dass es einmal ausgesprochen wird.

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