Kleine Oper

Schorsch Kameruns „Vor uns die Sintflut“

Von Frauke Hartmann

Man hätte auf das Zelt am Elbstrand auch verzichten können. Ein Kreuzfahrtschiff schiebt sich, vom benachbarten Terminal kommend, groß wie ein Stadtteil, langsam vor den Abendhimmel. Wenige Schritte elbabwärts erheben sich hoch über der Milliardenbaustelle der Elbphilharmonie die Kräne. Nebenan, wo das Zelt vor vier Jahren stand, überragt es ein unförmiger Riese aus Beton und Glas. Hinter ihm glotzen leere Fenster aus der Hightech-Fassade der Hafencity herab, die toten Augen von Hamburg. Diese Kulisse ist nicht zu toppen, große Oper. Sie erzählt mehr über Aus- und Eingrenzung, politischen Machthunger und absurde Folgen als ein Theaterabend es vermag.

Dass Joachim Lux und sein Team sich entschlossen haben, hier wie einst Ulrich Khuon, die Spielzeit des Thalia Theaters zu eröffnen, zeugt von Mut und Selbstvertrauen nach einer erfolgreichen ersten Spielzeit. Diesmal ist es aber kein Shakespeare. Keine raubeinige, mit einfachen Mitteln entworfene theatralische Gegenwelt, die unsere Gegenwart bespiegelt und im Zelt gegen sie auftrumpft. Diesmal ist es ein Projekt von Schorsch Kamerun, der in Hamburg als Sänger der Punkband „Goldene Zitronen“ und Mitbetreiber des Golden Pudel Clubs Kultstatus genießt und mials Regisseur von oft gelingenden Theaterexperimenten in den großen deutschen Theatern arbeitet, stilistisch irgendwo zwischen Helge Schneider und Schlingensief. „Vor uns die Sintflut“ versucht, es mit der Wirklichkeit vor dem Zelt aufzunehmen. Und das ist vielleicht ihr größter Fehler.

Schon die grundlegende Idee, eine illustre Kreuzfahrergesellschaft im Stil der Titanic im spätkolonialen Bühnen-Interieur mit den Problemen der Migrantenströme nach Good Old Europe zu konfrontieren, hat angesichts der Kreuzfahrtriesen etwas Gestriges. Ihr Witz erschöpft sich in den Gegensätzen zwischen arm und reich, normal und überkandidelt, Amateuren und Schauspielern.

Drei Musiker und ein Hund spielen auf einem Loriot-Sofa ein paar Töne. Unter einer Plastikfolie kommen die Schauspieler auf die Bühne, um darunter ein Puppenspiel vom verlorenen Seemann aufzuführen. Felix Knopp, der als Reisejournalist durch den Abend führt, stellt die Schiffsgäste vor und den Reiszweck, ein Leichenbegängnis. Zu Grabe trägt man eine Operndiva, die tatsächlich als ägyptische Königin in Gestalt der 81jährigen Nadja Tiller mit einem Song der Goldenen Zitronen aufersteht.

Dazwischen schrammelt das Stück als Potpourri lustiger Einfälle, schwer nachvollziehbarer Querverweise und schöner Zitate, etwa der Schüttelreimtechnik von Heinz Erhardt (Für eine Fahrt zum Mittelmeer gäb ich meine letzten Mittel her) immer hart am Klamauk. Musikalisch reicht es nicht zu einem Liederabend, die Pointen nicht zum Kabarett und die Geschichte nicht zum Theater.

Ein spielfreudiges Ensemble müht sich um große Wirkung und erzielt sie auch. Sandra Flubacher ist eine Operndiva, die nicht singen kann. Marina Galic gibt die exaltiere Tänzerin und ihre Geliebte. Der blinde Passagier und Seemann ohne Papiere mit dem Piratennamen Gödeke wird von Alexander Simon vorgestellt. Lisa Hagmeister ist die somnambule Wandlerin zwischen den Durchgeknallten und den Normalos, die aus vertrauter Nähe die Macken der Kreuzfahrerklientel aufs Korn nimmt und das Wummern der Ausgeschlossenen wahrnimmt. Auf diesem Schiff übernimmt deren Rolle ein Hamburger Chor in Alltagskleidung, der am Ende Opfer einer Tanztherapie wird. Als stärkste Annäherung ans Thema.

Das ersäuft im Schlingerkurs der Regie, die alles will und sich zu nichts durchringen kann.

Thalia im Zelt, Hamburg: 9., 10., 16.-19. und 23.-26. September

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion