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Glück und Leichtigkeit sind vergänglich, aber möglich.

Theater

Kleine Hoffnung Poesie

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Leichtes, tiefes Erzähltheater: "Die Nacht von Lissabon" in Berlin.

Der Einstieg ist lustig, autoreflexiv und grandios, und man denkt sich, was soll jetzt noch kommen? Dimitrij Schaad nimmt die Bühne wie ein Showmaster seiner Begabung, sucht die Rampe, stellt sich vor, zögert, fischt nach Applaus, um ihn, als er dann kurz aufbrandet, sofort zurückzuweisen: „Bitte nicht dieses Mitleidsklatschen!“ Und die „Applausflittchen“, die in diesem Theater jede Premiere bejubeln, die sollten sich mal zurückhalten. 

Schaad hält ein Buch ins Licht. Es sei das einzige, das seine Kollegin Anastasia Gubareva auf ihrer Flucht aus der Sowjetunion mit sich genommen habe – diese beginnt auch sofort zu erzählen, stimmt ein trauriges russisches Lied an und wird dann freundlich von Schaad unterbrochen. Es werde „leider nicht so ein Gorki-Abend“, sagt er, also keiner, der aus den Biografien der Gorki-Spieler schöpft. „Heute kümmern wir uns um Literatur.“ Er klappt eine 1986 in der DDR erschienene Ausgabe von Erich Maria Remarques „Die Nacht von Lissabon“ auf und liest die ersten Zeilen vor: „Ich starrte auf das Schiff. Es lag ein Stück vom Kai entfernt, grell beleuchtet, im Fluss Tejo...“

Flucht und Wiedervereinigung gelingen

Der 1978 in Berlin geborene, in der Türkei aufgewachsene und 1997 zurückgekehrte Regisseur und Autor Hakan Savas Mican – im Gorki-Regie-Kader eine poetische Stimme – macht natürlich auch kein pures Literaturverdopplungstheater aus jener Lissabonner Nacht 1942, in der ein deutscher Emigrant, der sich als Josef Schwarz vorstellt, dem Erzähler Papiere für die Ausreise in die USA vermachen will, wenn der sich seine Geschichte anhört. Eine Fluchtgeschichte voller zeithistorischer Brutalität, psychoanalytischer Melodramatik, gebrochenem Heldenpathos. 

Schwarz – seinen richtigen erfährt der Leser nicht – holt seine Frau Helen aus Deutschland nach Frankreich, sie verleben einen letzten Vorkriegssommer, werden von Helens Gestapo-Bruder verfolgt, nach Kriegsausbruch voneinander getrennt und interniert. Flucht und Wiedervereinigung gelingen, Schwarz tötet den Bruder und beschafft jene Papiere, die er nun nicht mehr benötigt: Die krebskranke Helen ist gestorben. Als Fremdenlegionär will Schwarz gegen die Deutschen kämpfen und sterben – die Erinnerung an Helen aber, die soll so wahr wie möglich, so wahr, wie er sie erzählt, weiterleben. 

Mican legt zwei Zeitfolien über jene Nacht: Als Prolog zeigt er ein paar Sekunden aus Wim Wenders’ Film „Lisbon Story“ von 1994, in dem euphorisch von einem vielsprachigen Heimatland Europa, das Kriege satt hat, die Rede ist. Und kaum ein Vierteljahrhundert später hat der Regisseur mit dem Videokünstler Benjamin Krieg die Remarque’schen Spielorte abgereist: In Lissabon machen heute monströse Kreuzfahrtschiffe Station, am Strand von Dünkirchen sieht man verlorene Kite-Surfer zwischen Bunkern, aus Paris bringt der Regisseur eine große Enttäuschung mit: Ihm zeigt sich die Stadt der Liebe als aufgerissenes Feld der Aggressionen, auf dem Samy Amimour, ein Busfahrer mit algerischen Wurzeln aus dem Pariser Vorort Drancy, 90 Menschen im Nachtklub Bataclan erschoss. Europa ist dabei, die Grenzen wieder hochzuziehen, der alte Kontinent hat die Kriegsmüdigkeit überwunden und die 1990er-Jahre-Hoffnung, dass soziale Widersprüche und ethnische Konflikte integrierbar seien, verloren. Vielleicht hilft es zu erzählen? Eben eine Geschichte wie die Helens wertvoll zu machen, wachzuhalten, weiterzugeben? Ihre Spuren und Folgen in der Gegenwart zu suchen? Auf die Kraft ihrer Poesie zu bauen? 

Das Schönste an dem Abend ist die für das Gorki nicht unbedingt typische Leichtigkeit und Offenheit im Spiel, mit der diese schweren und erdrückenden Fragen aufgeworfen werden. Die Selbstironie, die Schaad seiner Begnadetheit und herrlichen Eitelkeit abgewinnt, bereichert Remarques Figur, bringt sie uns in den finsteren Momenten näher, als es das Buch vermag. Auch die Sparsamkeit in den Mitteln, die dem Zuschauer Raum lässt, sich immer auch in die Video-Elegien zu versenken, erhebt den Abend in die poetischen Höhen einer Skizze leichter, kundiger Hand, macht ihn zu einem hergeschenkten Vorschlag. Groß wird der Abend durch die Lieder, gesungen mit guter einfacher stolzer nassäugiger Liebe und mit zartmutiger Stimme von Gubareva – in Jörg Gollaschs Arrangement mit Freundlichkeit begleitet von vier Live-Musikern.

Die Traurigkeit bricht erst später, nach dem grandiosen Applaus über einen herein, wenn man Schutz und Hut des Theaters und der Poesie verlassen hat und wieder draußen und allein ist. Aber doch nicht allein. 

Maxim-Gorki-Theater, Berlin: 17., 24. Januar, 7., 22. Februar.

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