Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Hans-Jochen Wagner, Renato Schuch, Nina Hoss.
+
Hans-Jochen Wagner, Renato Schuch, Nina Hoss.

"Rückkehr nach Reims"

Von Klassen und von Blasen

  • VonUlrich Seidler
    schließen

Thomas Ostermeier und Nina Hoss bieten mit "Rückkehr nach Reims" an der Berliner Schaubühne eine überaktuelle Wahlanalyse.

Eigentlich hätte man am Sonntag in der Berliner Schaubühne die Wahlergebnisse gar nicht abwarten müssen, um sich eine fundierte Analyse abzuholen. Man musste kein Hellseher sein. „Rückkehr nach Reims“ wartet mit Thesen und Beobachtungen auf, die so zwingend sind, dass ihre Bestätigung durch das Wahlergebnis Formsache blieb. Und so war es dann auch – obwohl die Arbeit bereits im Juli beim Manchester International Festival englischsprachige Premiere hatte. Die Datierung der Berliner Premiere war natürlich Absicht, und das Theaterpublikum durfte, auch wenn es die hektischen Zahlenspielereien und Kommentarsammlereien der abendlichen Berichterstattung verpasste, mit dem Gefühl das Theater verlassen, verstanden zu haben.

Der Abend befasst sich mit dem Sachbuch-Bestseller des französischen Soziologen und Philosophen Didier Eribon. Der 64-Jährige erzählt darin, wie er nach dem Tod seines Vaters wieder in die Stadt zurückkehrt, in der er aufwuchs und aus der er als homosexueller Intellektueller nach Paris geflohen war. Erst mit diesem Buch habe er sich klargemacht, dass er nicht nur vor der homophoben Enge der Provinz geflohen war, sondern auch aus dem bildungsfernen Umfeld der real existierenden Arbeiterklasse. Die wählte zwar traditionell kommunistisch, hatte aber dennoch wenig mit dem zu tun, was Eribon in seinen Marx-, Trotzki- und Sartre-Studien vorfand: „Es war mir leichter gefallen, über sexuelle Scham zu schreiben als über soziale.“

Die gesellschaftsanalytischen Ableitungen aus dieser Scham reichen weit: Es geht um die Auflösung des Klassenbegriffs durch den neoliberalen, von den Sozialdemokratien mitgetragenen Diskurs. Auf einmal war nicht mehr von „Unterdrückung“ und „Ausbeutung“ die Rede, sondern von „notwendigen Reformen“ und „Eigenverantwortung“.

Die Folge: Die Arbeiterklasse ist zur Ohnmacht verurteilt, der politische Kampf gegen die Herrschaft wurde ausgehöhlt und die entstandenen Leerräume füllten sich mit instrumentalisierbaren Stimmungen und Vorurteilen. Der „Gegensatz zwischen ,uns hier unten‘ und ,denen da oben‘ ... (bekommt) plötzlich eine nationale und ethnische Komponente, weil ,die da oben‘ als Befürworter einer Immigration wahrgenommen werden, deren Folgen ,die da unten‘ angeblich jeden Tag zu ertragen haben.“ Kurz: Von der Klasse zur Blase. So lässt sich auch hier in Deutschland verstehen, warum die SPD so stark verloren und die AfD gewonnen hat.

Das Buch von 2009 kam auf Deutsch 2016 heraus. Ostermeier, der als Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres stets ein waches Auge auf das Nachbarland wirft und der selbst aus proletarischen Verhältnissen stammt, hat sich und Deutschland in Eribons autobiografisch inspirierter Gesellschaftsanalyse wiedererkannt. Wir stellen uns vor, wie er den Suhrkamp-Band bei einer Dramaturgiesitzung auf den Besprechungstisch knallt und spricht: „Leute, wir können weiter Shakespeare und Ibsen nach Themen der Gegenwart durchflöhen, aber warum sagen wir nicht einfach direkt und konkret, was heute mit uns los ist. Hier steht es drin.“ – „Thomas, das ist ein Sachbuch, das Publikum hat schon von Romanadaptionen die Nase voll ...“ – „Denkt euch was aus.“

Und dies taten die Dramaturgen, sie konstruierten eine mindestens dreifache Rahmung des Stoffes. Der Abend spiegelt nicht nur die eigene gehobene Klassenzugehörigkeit, sondern auch das von Eitelkeiten und Zwängen in Schach gehaltene Bemühen um gesellschaftliche Relevanz in der Kunst und schließlich gar das Erbe vorangegangener Generationen anhand des Vaters der Hauptdarstellerin Nina Hoss.

Das geht so: Ein Regisseur (Hans-Jochen Wagner) will einen filmischen Essay drehen, der die Thesen von Eribon mit einem Bilderstrom illustriert. Wir sind in einem Aufnahmestudio mit Glaskabine, Kabeln, Holzvertäfelung (Ausstattung: Nina Wetzel). Die Bilder sind schon gedreht und mit Archivmaterial zusammengeschnitten. Der Film – sehr aufwendig und professionell von der Schaubühne produziert – läuft auf einer Leinwand, während Nina Hoss, sozusagen als sie selbst, das Voice-Over einspricht. So geht das eine knappe Stunde, in der die Thesen des Buches zu ihrem Recht kommen. Wir sehen Eribon im Zug, wir sehen Reims, Fabriken, Arbeiter, Roboter, die Platinen bestücken, dreckig-schöne Banlieue-Bilder, Straßenkämpfe und später auch maßgebliche Zitate und Bilder von Mitterrand, Schröder, Blair, Hollande und Macron.

Dann unterbricht Nina Hoss, sie möchte eine gestrichene Stelle aus dem Buch wieder hineinnehmen. Aber zum Diskutieren ist, wie der Techniker (Renato Schuch) schnell einwirft, keine Zeit. Der finanzielle und zeitliche Produktionsdruck macht  sich auch im Widerstreit der Eitelkeiten Luft und verschafft einen Eindruck von der Bereitschaft zur Selbstausbeutung des kreativen Prekariats – der neoliberalen Avantgarde. Das Sympathische ist, dass auch dieser Konflikt und  die quälenden Kompromissfindungsprozesse reflektiert werden – und wie das Werk dabei reift.

Als sich die drei eine Woche später wiedertreffen, hat sich der Druck sonderbarerweise aufgelöst, ein Wunder des subventionierten Theaters. Nina Hoss bekommt Raum für ihre Zweifel und für ihre Assoziationen, die sie zu ihrem Vater führen, Willi Hoss, der wie Eribons Vater 1929 geboren ist, Kommunist und Gewerkschafter war, Weggefährte Rudi Dutschkes, für die Grünen in den Bundestag ging, sich weitgehend unbeeindruckt von allen Enttäuschungen immer weiter sozial engagierte, zuletzt im brasilianischen Regenwald. Nina Hoss zeigt ein Handyvideo, der Blick geht in die Kronen der Regenwaldbaumriesen, man hört indigene Gesänge, und das Licht geht aus.

Ein langer nachdenklicher Applaus setzt ein. Das Schaubühnenpublikum fühlt sich offenbar ertappt in seiner Blase und verstanden in der Scham über seine unbefriedigende gesellschaftliche Rolle. Und nach gut zwei Stunden Theater war es noch nicht zu spät, um am Alexanderplatz gegen die AfD zu protestieren.

Schaubühne, Berlin: 28., 29., 30. September, 1., 11.-15. Oktober. www.schaubuehne.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare