Frankfurter Positionen

Klang, verschickt und versenkt

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Pascal Dusapins „Lullaby“, uraufgeführt bei den Frankfurter Positionen im LAB.

Partizipativ – der Begriff gehörte vor fünfzig Jahren noch nicht zu den diskursiven Klingeltönen der Kulturbetriebsamkeit, sonst hätten Karlheinz Stockhausen für seine „Hymnen“ oder später John Cage ihn für „Roaratorio“ schon benutzen können. Damals hieß das, was jetzt Konjunktur hat, weltmusikalisch oder interpenetrativ. „Lullaby experience – ein partizipatives Projekt, das allen Kindern und Erwachsenen auf der ganzen Welt offensteht“. Mittels einer App (die ja alle auf der weiten Welt haben) kann man Klangfloskeln und Liedfragmente in ein kompositorisches Headquarter schicken, wo die Klangpixel spezifisch fermentiert werden.

Im Falle der Uraufführung von „Lullaby“ bei den diesjährigen Frankfurter Positionen heißt der Klangfischer Pascal Dusapin, dessen Beuteschema Lieder „tief im Innersten“ sind, die jeder von uns hat, die seine Kindheit „definieren“. Dusapin, der 64-jährige Exponent französischer Klang-Spektralität, hat seine ästhetische Konzeption von Farbtimbrierungen in langsamen Loops realisiert. In je spezifischen Tonalitäten, die den Ablauf der guten Stunde im Frankfurt LAB in Kapitel unterteilt.

Die Atmosphäre im LAB-Saal ist getragen, bei gedämpftem Licht. Bis auf ein riesiges, gleichsam gestrandetes Gitterbett altertümlicher Provenienz mit weißen Kissen und Bettdecke samt einigen Kuscheltieren in der Mitte, ist der schwarze Raum nahezu leer. Der Boden allerdings mit einer dicken Schicht von weißen Bettenfedern bedeckt (Bühne: Etienne Plus). Darin umherwatend die Zuhörer zwischen den Posituren von Balletttänzerin, altertümlicher Märchentante, einem patriarchalen Bürohengst am Schreibtisch, befracktem Conferencier, einer Actrice im kindlichen Nachthemd, einem pfauenartigen Nachtvogel und den in Fräcken steckenden Musikern des Ensemble Modern. Die wandern umher oder stehen herum, um dabei den tableaux vivants, die inszenatorisch aufs Konto Claus Guths gehen, weitere harmonikale und färbende Klangemissionen beizumischen.

Das Publikum darf auch einmal auf dem Bett Platz nehmen, um von dort aus die in Erstarrungslatenz befindlichen lebenden Bilder zu beobachten. Die Bildkommunikation von Traum, Trauer, Sehnsucht, Alpdruck, Erschöpfung und Ausbruchsversuch wirkt wie ein guter alter Bekannter. Der altertümlich-nostalgische Touch des Ganzen, in den die weltweite Klanglese verschickt und versenkt wird, stand in reizvollem Kontrast zu den anwesenden Adressaten im LAB, die zum Teil das Klang- und Statuariengut ihrerseits via gezückter iPhones wieder in den Speichern ihres digitalen Gedächtnisses ablegten.

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