Schauspiel Köln

Die Klamotte als höhere Kunst

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Alvis Hermanis zeigt „Oblomow“ in Köln und macht daraus einen merkwürdig überflüssigen Theatertraum. Nur wer sich der Versuchung hingibt, kennt ihre Süßigkeit.

Manchmal ist es hilfreich, auch in der Theaterkritik, mit einem Geständnis zu beginnen. Ja, ich habe geschlafen. Und zwar zwei Mal. Zuerst zu Beginn der Aufführung und dann wieder am Ende. Ja, es waren süße Minuten.

Nun ist der Theaterschlaf ohnehin zu Unrecht in Verruf geraten, aber darum geht es hier nicht. Es geht auch nicht um den schlafenden Beweis, wie langweilig Alvis Hermanis’ Aufführung von „Oblomow“ in Köln gewesen sei. Das war sie gar nicht. Es geht um die Sache selbst, sozusagen das richtige Rezeptionsverhalten. Denn wer sich hier – wo Oblomow fast eine Stunde mit seinem Diener Sachar herumdämmert, um dann, nach einem emotionalen Zwischenhoch, am Ende wieder im schwerelosen Grau des Tagschlafs zu versinken – erfolgreich gegen den Schlaf wehrt, der ihn im Dunkel des Zuschauerraums selbstverständlich anfällt, dem ist nicht zu helfen. Der kann diesen Oblomow wahrscheinlich nicht verstehen.

Iwan Gontscharows „Oblomow“ ist einer der großen russischen 19.-Jahrhundert-Romane (Turgenjew, Tolstoi, Dostojewskij), eigentlich aber ist er eine Figur. Er ist Gutsbesitzer in einer jener russischen Städte, die damals wie heute stehend zu schlafen scheinen, lebt aber mit dem Diener Sachar in einer Petersburger Wohnung. Dort vegetiert er am liebsten schlafend dahin.

Oblomow kümmert sich weder um das Gut noch um sich selbst, er geht nicht aus, er tut nichts. Heirat, Sohn und Wohnung, alles zerrinnt ihm. Seinen Freunden, die ihm das Geld aus der Tasche ziehen, hat er nichts entgegenzusetzen. Er tut niemandem etwas Böses, kann aber nicht einmal aus eigenstem Eigennutz irgendeine Aggression aufbringen. Der Mann ist eine schöne Seele, ja, aber in allzu schwachem Fleisch, Oblomow ist die verkörperte Lebensuntüchtigkeit.

Als solcher ist er sprichwörtlich geworden, die Oblomowtschina ist ein stehender Begriff, und jeder kann sich seitdem mit einem bangen Schaudern die Frage stellen, wie viel Oblomow in ihm steckt. (Womit wir wieder beim Theaterschlaf wären.)

Alvis Hermanis, Rigaer Regiestar und lettischer Theaterzauberer, hat diesen Oblomow in Gestalt seines Landsmanns Gundars Abolins, der ein bemerkenswertes Deutsch spricht, nun in Köln mit hängenden Bäckchen auf die Bühne gebracht. Diese Bühne von Kristine Jurjane ist sozusagen die liebenswerte Variante des Hypernaturalismus. Man findet den Holzofen mit der Ofenbank, den Diwan und den Lüster an der Stuckdecke, die Karaffe auf der Rüschentischdecke, Büste und Bild, Ikone und Kerze an der Wand, Teppich und Tapete, Staub und Dreck. Da ist der ganze Plunder versammelt, der von der wohligen Wohnzimmergemütlichkeit einer lange versunkenen Zeit kündet. Ein kleines, verlottertes, lockendes Paradies.

Abolins und sein Partner Albert Kitzl als Diener Sachar zelebrieren hier zunächst fast eine Stunde lang eine Orgie des Dämmerns und Jammerns, des Schlurfens und Taperns. Das einzige starke Gefühl, das in diesen vier Wänden noch lebt, ist das ächzende Selbstmitleid des in seiner Ruhe gestörten Traumanbeters. Das Doppelkinn von Oblomow passt zu den Bartfransen von Sachar, beide Männer sind mit einem gut ausgestopften, breiten Hintern ausgestattet und mit einem ebenso gut ausgeprägten Hang zum breiten Slapstick. Man grimassiert und man stolpert, man liegt übereinander. Staub, und Zettel werden wedelnd aufgeblasen. Die Bekannten Alexej und Alexejew (Robert Dölle und Thorsten Peter Schnick) tun da gerne mit.

Überraschender Weise hat Alvis Hermanis sich für diese dreieinhalbstündige Aufführung Schauspieler der realistisch-boulevardesken Spieltradition zusammengesucht. Aber was will er uns damit sagen?

Klar, das ist ein sentimental-verschrobenes Gegenmodell zu dem heutigen Effizienzdenken und der gängigen Fit-for-fun-Ideologie. Aber theatral ist das dann doch irgendwie unergiebig, ein bisschen lustig, sonst aber eindimensional und absehbar. Will Alvis Hermanis tatsächlich dem Altmeister Dieter Dorn frühvergreiste Konkurrenz machen, der zufälliger Weise an diesem Wochenende in München das „Käthchen von Heilbronn“ herausbrachte, seine letzte Inszenierung als Intendant des Residenztheaters. Kitzl und Dölle spielten schon vor vielen Jahren bei Dieter Dorn. Aber das bei Alvis Hermanis? Der zum Beispiel mit seiner Aufführung „Langes Leben“, in der junge Schauspieler sehr alte Menschen in einem ähnlich Hypernaturalismus spielten, ein ebenso trickreiches wie berührendes ästhetisches Konzept verfolgt hatte?

Überflüssiger Theatertraum

Nach der Pause treibt der Regisseur es auf die Spitze. Die Liebesgeschichte zu Olga (gespielt von Dagmar Sachse, in einem weißen Nachthemd, mit Haube und mit roten Ringellocken) und die Auseinandersetzung mit seinem Freund und Gegenspieler Stolz – Martin Reinke, der den aktiven Deutschen ebenso backenbärtig spielt, wie er aussieht – finden vor wechselnden Prospekten statt, die Sachar aufspannt.

Es ist der durchsichtige Kulissenzauber einer untergegangenen Theaterwelt: gemalte Säulen, herzerweichende Lauben, Idyllen in Sepia. Man fasst sich hier ungehemmt an die Brust, der sich ein tiefer Seufzer entringt, man lässt sich vom eigenen Gesang hinwegschwemmen, man hört hier sogar Opernarien vom Band. Mit der Liebe zu Olga funktioniert es trotzdem nicht: Oblomows schwaches Fleisch trägt zu schwer an sich. Aber darum geht es schon nicht mehr. Es geht um die theatrale Miniatur eines potenzierten 19. Jahrhunderts, um eine Theatersüßigkeit, ein likörgetränktes Bühnenpraliné, lieblich, schmerzensreich und zart. Der Flieder, der geschüttelt wird, duftet bis in die hintersten Reihen, möchte man meinen.

Alvis Hermanis entwirft mit seinem „Oblomow“ einen merkwürdig überflüssigen Theatertraum. Niemand glaubt, dass man die Ästhetik des 19. Jahrhunderts zurückholen kann oder soll. Der Regisseur versucht es trotzdem. Er versucht sich damit sozusagen an der Klamotte als höherer Kunstform. Nur wer sich der Versuchung hingibt, kennt ihre Süßigkeit. Nur wer tief genug schläft, kann träumen. Oblomows aller Länder ...

Schauspiel Köln, Halle Kalk: 14., 15., 16., 24., 25., 26. und 28. Februar. 1. und 2. März. www.schauspielkoeln.de

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