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Können sie glücklich werden? Daniel Hoevels und Anja Schneider in "Die Versetzung".

Kippen, reißen, halten

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Herumkrempelnde Uraufführung im Deutschen Theater: Thomas Melles "Die Versetzung".

Da denkt man noch, Mönsch, das ist aber ein bisschen dicke, was Daniel Hoevels und Anja Schneider da spielen, da hätte sie die Uraufführungsregisseurin mal ein bisschen bremsen sollen – und schon ist man ertappt und seelisch tief durchgerührt.

Brit Bartkowiak hat am Freitagabend die Uraufführung von Thomas Melles „Die Versetzung“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin zur Premiere gebracht. Eine Riesenfreude zieht den beiden DT-Schauspielern Hoevels und Schneider als Ronald und Kathleen in besagtem Moment die Gesichter auseinander und lässt sie immer wieder aufspringen. Aber immer wieder erstarrt ihr Grinsen auch kurz zu einer fragenden panischen Grimasse.

Gut, es kann einen durcheinanderbringen, wenn man erfährt, dass man Vater und Mutter wird. Wie schön! Und nicht selten mischt sich Entsetzen in das Glück. Aber muss man das so heftig ausspielen? Da stimmt doch was nicht. Eben. Und das Schlimme ist nicht, dass wir ihnen nicht ganz glauben können. Sondern, dass die beiden selbst nicht wissen, ob sie einander etwas vormachen und sich selbst. Denn ob alles gut wird, haben sie nicht im Griff.

Es sieht so aus. Zumal Ronald auch beruflich vor dem nächsten Level steht, gerade hat ihm der scheidende Schuldirektor die Fischfutterdose anvertraut und ihm damit feierlich seine Nachfolge angetragen. Als Unheil aber schwebt über allem, dass Ronald unter einer bipolaren Störung zu leiden hat, ein Begriff, den Melle „zu lasch“ findet für die Katastrophe, die diese Krankheit bedeutet. In seinem eigenen schweren Fall spricht er von „manisch-depressiver Krankheit“. In seinem Buch „Die Welt im Rücken“ (2016, damals auch für den Deutschen Buchpreis nominiert) hat er sie mit literarischer und philosophischer Meisterschaft beschrieben, die irrwitzigen Wahnvorstellungen der manischen Phasen und die niederschmetternden Depressionen. Das brutale Alleinsein in beidem. Und die perfide Tragik, dass diese Krankheit zwar abklingt, aber immer wieder ausbrechen kann und damit auch die vermeintlich gesunden Phasen des Leben zerstört. Der Riss, der durch die Welt- und Selbstwahrnehmung geht, bleibt. Alles bisher als wahr oder zumindest doch als verlässlich Erfahrene und Begriffene hat sich als fragil und flüchtig erwiesen und ist noch dazu möglicherweise von den Medikamenten beeinträchtigt, die Empfinden und Gemüt neuronal im Gleichgewicht halten.

Und das ist nur die Innensicht. Die Leute, die mit dem Betroffenen zu tun haben, können erst recht nichts richtig machen. Und so entwickelt es sich in dem Stück natürlich auch. Die Kollegen und Eltern bekommen Wind von der Vergangenheit Ronalds. Selbst die, die guten Willens sind, stehen vor einem Dilemma. Was, wenn die nächste manische Phase kommt, vielleicht ist die stärker als die letzte, vielleicht bleibt es nicht bei verbalen Injurien, es gibt keine Garantien mehr im Umgang – die Kinder müssen geschützt werden. Wie anmaßend und unmenschlich.

Melle greift diesen Zwiespalt von vielen Seiten an und spielt ihn durch, und er nutzt dabei geschickt und mit viel aufklärendem Humor die Vielbödigkeit des Theaters, sein willkürliches Ineinander von Sein, Schein und Deutung. In der Wirklichkeit entzieht sich dieses Ineinander der Kontrolle und Nachprüfbarkeit. Durch diese Tür kommt der Wahn und schreibt sein eigenes Drama.

Das nimmt dann seinen tragischen Verlauf, als die Krankheit im Stück langsam wieder Besitz von Ronald ergreift. Die Regisseurin inszeniert das mit situativer Verspieltheit und Sinn für das ausgestellte Detail. Ab welchem Moment ist Ronald nicht mehr normal? Wer würde in seiner sich zuspitzenden Lage nicht überreagieren, falsche Nuancen heraushören und Gesagtes missinterpretieren. Bis die anderen tatsächlich seltsam zu reden beginnen – ihm obszöne Gemeinheiten in Reimen an den Kopf werfen, so dass er selbst auch nur noch in pathetischen Versen sprechen kann und welterklärende und welterschütternde Sonette donnert, den Kollegen großmütig ihre (nicht zu leugnenden) Macken vergibt, sie umarmt, niederringt und ins Ohr beißt – und alles auseinanderbricht oder, wie die an Ketten hängende Spielfläche, kippt, so dass Wasser aus dem Aquarium läuft und auch die Fische ihr Transzendenzerlebnis machen müssen.

So erschütternd die Erfahrung der Verlassenheit, des Nichtswissen- und Nichtsteilenkönnens sein mag, im Theater macht man sie gemeinsam und hat den Befund damit für einen Moment widerlegt. Heftiger, warmer Applaus.

Deutsches Theater Berlin:
23., 25. November, 4., 14., 16. Dezember.
www.deutschestheater.de

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