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Junger, sehr junger Solist.

Papageno Theater

Wie Kinder immer alles richtig machen wollen

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Das pädagogische Projekt „Die Kinder der toten Stadt“ jetzt als erschütternde Inszenierung im Papageno Theater.

Im Abendprogramm des Papageno Musiktheaters im Palmengarten Frankfurt kann man sich jetzt ein paar Mal ein Stück anschauen, das ursprünglich in die Sphäre von Schulen gehört. „Die Kinder der toten Stadt“ ist ein Versuch, Kindern und Jugendlichen das Schicksal gleichaltriger Holocaustopfer begreiflicher zu machen. Mit Musik von Lars Hesse, Texten Text von Thomas Auerswald und pädagogisch konzipiert von Sarah Kass führt es ins Lager Theresienstadt im Jahr 1944.

Dass zwischen Kälte, Hunger, Misshandlung und der namenlosen Angst vor dem Weitertransport in ein Vernichtungslager Kindheit ihren Lauf und ihr Ende nimmt, übersteigt die Vorstellungskraft, wird aber hier ganz plastisch: ein Alltag aus Kinderperspektive. Manchmal kann heimlich Schulunterricht stattfinden. Es gibt einen Chor. Teenager vergucken sich ineinander. Man muss nicht befürchten, dass das die Situation verharmlosen würde. Es zeigt nur, dass Kinder in tödlicher Zwangslage keine Wesen von einem anderen Stern sind. Sie sind Kinder, wie sie heute auch aus ihrem Leben etwas machen wollen, ihren Hobbies nachgehen und hübsche Altersgenossen nicht übersehen.

„Die Kinder der toten Stadt“ wird als Konvolut Aufführungs- und Unterrichtsmaterial angeboten, dazu gibt es bereits eine Tonstudioproduktion, die 2018 herauskam und an der unter anderem die Schauspielerin Iris Berben mitwirkte, Schirmherrin des Projektes. Sie war auch Gast bei der szenischen Uraufführung, die nun in Frankfurt stattfand – rabenstolz die Theatermacher, die den Zuschlag bekommen hatten, aber auch etwas draus machten.

Ein sonorer Erzähler (Hubert Bischof), ein Grüppchen Erwachsene, aber vor allem ein musikalisch topfitter, ausgezeichnet vorbereiteter, vor Konzentration strahlender Kinderchor (Leitung: Karina Schwarz) ermöglichen die Inszenierung von Hans-Dieter und Niklas Maienschein. Von der Seite spielt eine Combo unter der Leitung von Seung-Jo Cha die sehr eingängige Musik ein (zum Zuhause-Weitersingen, eine didaktische Entscheidung).

Beim Besuch einer ausländischen Delegation und für einen begleitenden Propagandafilm soll Theresienstadt „normal“ wirken, eine Kinderaufführung dazu beitragen (zu der es am 23. Juni 1944 tatsächlich kam). Die Maienscheins arbeiten fein den Kontrast heraus zwischen den (im Solo und Kollektiv hinreißend singenden) Kindern, die sich trotz allem auf die Aufführung freuen, und den Erwachsenen, denen die Angst ins Gesicht geschrieben steht. Über die Bühne (Ausstattung: Annette Finze) donnert immer wieder wirkungsvoll ein imaginärer Zug. Die Täter sind Schemen, aber riesig.

Gerade dass die Inszenierung das Artifizielle einer Kinderaufführung nicht scheut, macht deutlich: Die erschütterndste Verbindung ist die Mühe, die sich Kinder geben, alles richtig zu machen – auf der kleinen Bretterbühne in Theresienstadt, im Papageno Theater. Insofern ein Abend für Erwachsene, ein Appell, nein, eine schreiende Aufforderung, Kinder zu schützen.

Papageno Musiktheater im Frankfurter Palmengarten: 12., 19. April, 3. Mai. www.papageno-theater.de

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