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Vor dem bewegbaren Häuschen: Mira Partecke, Sophie Rois und Christine Groß.
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Vor dem bewegbaren Häuschen: Mira Partecke, Sophie Rois und Christine Groß.

Pollesch Volksbühne

Kinder, so geht es nicht weiter!

Aber wie dann? René Pollesch übt sich im Innehalten und unterzieht an der Berliner Volksbühne das eigene Schaffen der Inventur. "House for sale" heißt der neue Abend.

Von Dirk Pilz

Nachdem die drei Damen sehr viel durch braunes Blätterwerk gestakst, noch mehr herumgestanden, dabei aber in ihren weißen Flatterkleidern und Cowboyhüten hervorragend ausgeschaut haben, setzen sie sich hin. Sie wollen, sagen sie, ein bisschen philosophieren.

Das ist neu. Philosophiert wurde im Dogmenreich des Theaterpredigers René Pollesch noch nie. Es wurde zitiert und vorsätzlich oder unwissentlich missverstanden. Es wurden Fußnoten zum Tanz mit den Zeitgeistern gebeten, Viertel- oder Halbgedanken in die Luft geschnippt, auf dass sie als Achtel- oder Sechszehntelgefühle wieder herunterschweben.

Das war immer lustig, vor allem weil es alles oder nichts zu bedeuten vermochte, der Zuschauer sich zugleich in seinem eigenen Gedanken- und Gefühlsdurcheinander abgeholt, aber nie ganz gemeint fühlen durfte. Philosophie konnte man das nie nennen, eher Lebenshilfekunde.

Aber man schätze sie nicht gering, wer käme ohne sie aus. Zumal das Pollesch-Theater dabei stets von einer Welt zu träumen wusste, der „das Ganze und Reine“ (Papst Benedikt XVI.) verlustig ging, falls es je vorhanden war.

Ja, die Religion!

Jetzt hocken also Christine Groß, Mira Partecke und Sophie Rois auf ihren weißen Plastikgartenstühlen und träumen. Ja!, ruft Madame Rois, die Religion! Sie war doch mal in eine kulturelle Lebensform integriert!

Heute hat sie nur zwei mögliche Rollen: Entweder, sie hilft den Menschen dabei, im Rahmen der existierenden Ordnung zu existieren, sprich, sie für die Zumutungen des neoliberalen Alltags fit zu machen.

Oder sie bietet einen Raum für abweichende kritische Stimmen: „Was gar nicht so einfach ist!“ Ist es nicht. Und natürlich reden sie dabei vom Theater. Gibt es eines, das sich besser zur Einübung ins neoliberale Dasein eignen würde als das Pollesch-Theater? Gibt es nicht. Dabei will es doch so subversiv sein. Was aber gar nicht so einfach ist.

Angeblich ist dieser unter dem Titel „House for sale“ angebotene Abend zur Saisoneröffnung an der Volksbühne die insgesamt 77. Pollesch-Inszenierung, seitdem vor 15 Jahren mit „Heidi Hoh“ in Berlin die polleschtypische Form geboren ward.

Es hat sich nicht viel geändert seitdem. Es kamen ein paar Fußnoten-Helden hinzu, andere fielen weg. In seinem jüngsten Bühnenversuch wird sich bei dem Philosophen Slavoj ?i?ek und aus Alain Badious Paulus-Buch bedient, bei der Fernsehserie „Starsky and Hutch“, bei Woody Allen und den Songs von Elvis Costello. Der Titel „House for sale“ ist, vermutlich, einem Lied der Band Lucifer entnommen. Mitte der Siebziger ein Hit.

Das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist, dass dieser Anderthalbstünder aussieht, als unterziehe Pollesch sein eigenes Werk der Inventur: Wie konnte es nur passieren, dass es auszog, dem Theater das Kritischsein zu lehren, aber im Wellness-Segment landete, bestens als mentaler Fitnesstrainer geeignet, mit dem man lernen kann, es sich im falschen Leben gemütlich zu machen?

Wahrscheinlich, weil dieses Theater sich selbst immer am wichtigsten nahm.

So schräg ist die Religions-Theater-Parallele nicht: Jesus war der Welt ein Ärgernis, die Kirche ist die Welt selbst. Pollesch war einst ein subversiver Bühnenanarchist wider die erstarrten Denk- und Spielapparate, das Pollesch-Theater ist zur eigenen Kirche samt Dogmenhärte und treudoofer Jüngerschar geworden. Die Institution frisst ihre Kinder.

Aber Pollesch weiß es! Er macht es in „House for sale“ zum Thema, stellt die eigene Rat- und Hilflosigkeit schutzlos aus. Immer wieder werden Szenen aus „Drei Schwestern“ eingeflochten, immer unterlegt mit der Grundfrage des „Philosophen Tschechow“: Gibt es noch ein anderes Leben oder war’s das schon? Gibt es ein anderes Theater oder kommt da noch was? So viel Mut zur Beichte und Selbstgeißelung ist nach wie vor selten. Und genau das macht diesen seltsam grobkörnigen, unfertigen Abend sehenswert.

Es muss sich was ändern!

Auf der Bühne steht ein weißes Haus, es ist fahrbar, es fährt viel durchs Laub, am tiefroten Hintergrundvorhang vorbei. Man sieht es gern. Sophie Rois singt. Mira Partecke macht Augen. Christine Groß schaukelt die Sätze. Bärbel Bolle, die Gegenfigur zum Cowboy-Trio, trägt Sonnenbrille und kann ausgezeichnet herumschnauzen. Man lässt sich’s gefallen.

Aber anders als in den gelungeneren Pollesch-Entwürfen beginnt hier nichts zu tanzen. Die Szenen treten sich gegenseitig auf die Füße, die Sätze geraten ins Stolpern. Wie sollte es auch anders sein: Pollesch übt sich im Innehalten, vermisst den Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit seines Schaffens.

„Kinder!“, ruft Sophie Rois, „so kann es nicht weitergehen! Es muss sich was ändern!“ Bleibt nur die Frage, was hier geändert werden soll: das Theater oder die Welt.

Volksbühne Berlin: 12., 13., 16. September. www.volksbuehne-berlin.de

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