Bei den von West-Wallbaums.
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Bei den von West-Wallbaums.

Theater

Keyserling am Schauspiel Frankfurt: Eine ganz glückliche Familie

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Barbara Bürk inszeniert Eduard von Keyserlings Stück „Am Südhang“ am Schauspiel Frankfurt.

Eduard von Keyserling (1855-1918) hat ein Gespür für die Spannungen zwischen Durchschnittsmenschen, für untragische Wehmut und die Ironie, dass doch nichts anderes übrig bleibt, als all das wichtig zu nehmen, da es einen Großteil des Lebens in friedlichen Zeiten ausfüllt (und man sollte Gott danken dafür). Lebendigkeit und Hochmut, Friedfertigkeit und die Verstocktheit einer Klasse, die es dann auch nicht mehr lange geben wird, können in den Erzählungen unterhalten, überraschen und melancholisch stimmen, wobei sich zu große Melancholie verbietet, will man nicht unfreiwillig zu einer keyserlingschen Figur werden.

Auch in „Am Südhang“ registriert der frischgebackene Leutnant Karl Erdmann von West-Wallbaum, wie er in den großen Sommerferien daheim auf dem Lande bei der Familie vom schneidigen Mann von Welt wieder „empfindlich und feinschalig wie eine Frucht“ wird, die „auf dem Südhange gereift ist“. Er verliebt sich in die geschiedene Daniela von Bardow, wie sämtliche Anwesende es offenbar Sommer um Sommer tun. Ein bevorstehendes Duell erhöht noch seine Zartheit – und auch Daniela sieht ihn dadurch mit anderen Augen –, aber alles geht ja gut. Stattdessen nimmt sich der Hauslehrer das Leben. Daniela, von Karl Erdmanns Wohlbefinden ernüchtert, ist beeindruckt. Karl Erdmann ist verdrossen. So zeigen sich am Ende doch recht schändliche (Hedda-Gabler-)Gefühle, die Keyserlings psychologische Treffsicherheit dokumentieren und auch den bedenklichen Gemütszustand einer Gesellschaft.

In den Frankfurter Kammerspielen nimmt die Regisseurin Barbara Bürk es im Verein mit Ausstatterin Grot und dem am Flügel milde und gelegentlich wilde Musik einspielenden Markus Reschtnefki von der leichten Seite. Zwischen weißen Vorhängen – intensiv betätigt –, auf ein paar Orientteppichen und an einer Art Hotelrestauranttischen geht es vorerst unverbindlich zu. Bürk zieht die vertrauten Register des aktuellen Kammerspiels, lässt Fridolin Sandmeyer als Karl Erdmann erst einmal eine alte Platte auflegen, die vielstimmig den von ihm stumm mitgesprochenen Text übernimmt. Nachher gibt es viel Huch und Hach und Och und Ach, dazu Spielchen mit der Fitness und Elastizität des Ensembles, mit flugsen Rollenwechseln, mit fidelen Lösungen für den Requisitenmangel.

Es interessiert sie wirklich

Aber doch überdeckt der Spaß nicht die Geschichte. Erst glaubt man es kaum, dann merkt man, dass Bürk sich für diese Leute und diese Situationen tatsächlich interessiert. Sie führt sie nicht vor, selten vor. Sie zügelt die Exaltiertheiten, und hätte sie es noch mehr getan, wäre vielleicht ein Juwel daraus geworden. An Maren Ades „Toni Erdmann“ lässt sich nicht nur denken, weil Michael Schütz in einer großartig gespielten Doppelrolle die eine von der anderen Figur durch prominente Vorderzähne trennt. Sandmeyer als adretter Karl Erdmann ist ein fahriger, aber auch irritierter junger Mann. Wenn Eike Hackmann als sein großer Bruder Botho eine unerhörte Version von „Ich komme vom Gebirge her“ vorträgt, lugt selbst beim Landadel die Moderne hinein. Bei rasanten Ausdruckstänzen tut sich vor allem Wolfgang Vogler als Hauslehrer hervor. Melanie Straub als Daniela ist elfisch und keineswegs erhaben, aber sie ist auf jeden Fall eine aparte Abwechslung zur bodenständigen, aber nicht lachhaften Mutter, Christina Geiße, oder zur kleinen Schwester, Julia Pitsch.

Vielleicht beweist Bürk ihre Zuneigung am besten bei der Reise zum Duell. Die Männer wollen es ja nicht zu ernst nehmen, aber der Tod als Möglichkeit muss schon recht entschieden weggeplaudert werden. Keyserlings hier meisterhaftes Einfangen der Gemengelage zeigt sich etwa in der Figur des Arztes, wieder Vogler, der aufgeregt und gewissermaßen gespannt ist, der zugleich aber interessante Dinge über den Tod sagen kann, die den von West-Wallbaums noch nie in den Sinn gekommen sind. Die Nähe von Größe und Banalität ist umwerfend, was aber auch so banal ist, dass man darüber nicht zu gewichtig sprechen darf. Aber zeigen kann man es offensichtlich. Wer Lust hat, durch den schnellen Witz hindurchzutauchen, bekommt in Bürks 110 „Am Südhang“-Minuten einiges davon geboten.

Schauspiel Frankfurt,Kammerspiele: 11., 26., 29. März.

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