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Zenzi Huber als Marburger Maria Stuart.

Landestheater Marburg

Keine Welt für einen aufrechten Gang

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Mit einem Maria-Stuart-Doppel eröffnen die neuen Intendantinnen am Landestheater Marburg ihre erste Spielzeit.

Bei den Intendanzen der hessischen Staats-, Stadt- und Landestheater hat sich der Anteil der Frauen ad hoc gewaltig erhöht, indem in Marburg jetzt die Doppelspitze mit Eva Lange und Carola Unser die Arbeit aufgenommen hat. Unter den zahlreich angereisten Gästen bei der Eröffnungspremiere auch Cathérine Miville aus Gießen. Lange und Unser hatten bei der Begrüßung schon ihr Vergnügen daran, sich das Wort Intendantin auf der Zunge zergehen zu lassen. Intendantin. Ja, ein schönes Wort.

Dann ein Maria-Stuart-Doppel, von Intendantin Lange selbst inszeniert im akustisch für Sprechtheater leider äußerst unerquicklichen Erwin-Piscator-Haus, einer der Spielstätten des Landestheaters. Zuerst Friedrich Schiller, dann Elfriede Jelineks 2016 uraufgeführtes Stück „Ulrike Maria Stuart“ – letzteres nicht mehr als ein ausführlicher Anhang, ersteres aber ebenfalls kräftig zusammengekürzt, eine etwas waghalsige und auch halbgare Unternehmung, aber mit Schau- und auch anderen Werten.

Das Bühnenbild von Carolin Mittler ist bei aller Kargheit perfekt. Atmosphärisch setzt es die Halle fort, helle Wände, eine davon ein Stück abgerückte Spielfläche, auf der man aufpassen muss, nicht in eine Lücke zu fallen. Auch um auf- und abzutreten, gilt es meistenteils, durch eine der unterschiedlich großen Wandspalten zu schlüpfen. Das unterläuft durchaus subtil den Versuch, einen aufrechten Gang beizubehalten und entspricht insofern der Situation am englischen Hofe. Die Regisseurin Lange ansonsten zügig abhandelt, denn ihr Augenmerk gilt fast alleine der Titelheldin.

Das ist Zenzi Huber, die ihrer hier sehr jungen Figur keinerlei Noblesse gibt, die sich auch keinen Moment darum bemüht, im Gegenteil. Eigentlich noch nie eine so unangenehme, um sich selbst kreiselnde, lauernde, vor lauter Frustration uneitle Maria gesehen, aber dadurch auch noch kaum eine so moderne, von allen idealistischen Geistern verlassene. Während man sich darüber wundern mag, dass Lange sich so wenig für Elisabeths Konflikt interessiert, gibt die Inszenierung in der Figur der Maria wirklich eine Stellungnahme ab. Angst und Gefangenschaft machen einen Menschen nicht klüger, nicht besser, nicht einmal interessanter, sondern lediglich kleiner und enger.

Elisabeth, die also stärker beiseite bleiben muss, als das kühle, aber intensive Spiel von Mechthild Grabner nahelegt, fackelt in der Frage, ob sie das Todesurteil nun tatsächlich unterschreiben soll, nicht übermäßig lange. Ihre Unterschrift ist viel, viel größer als die von Donald Trump.

Auch die Männer müssen ein wenig sehen, wo sie bleiben. Dass sie zum Teil zu hektischen Witzfiguren werden, zeigt die Truppe zwar in glänzender Form, geht aber mit Schillers (hochaktuellem) Sinn für politische Vorgänge kursorisch um. Auch respektlos, das ist dann wieder die reizvolle Seite und soll vielleicht auch frühzeitig eine Nähe zum Jelinek-Teil herstellen, der noch nicht nach der Pause einsetzt – sich dazwischendrängt –, sondern erst nach der rhetorischen Frage, ob es denn immer so enden müsse.

Er bringt einen scharfen Kleidungswechsel mit sich, von Schwarz hin zu lustigem Hippie-Stil, und dreht den Ton ins revuehaft Überkandidelte. Das ist gewitzt in der Darstellung etwa von Simon Olubowale als obligatorischer Jelinek-Stellvertreterin. Dass Grabner (Elisabeth) jetzt zu Gudrun Ensslin und Huber (Maria) zu Ulrike Meinhof wird, ist dagegen eher eine Frage trefflicher Kostüme. Für ein inhaltliches Auffüllen der Konstellation fehlt jetzt einfach die Zeit und die Ausdauer. Insofern handelt es sich um eine Überforderung für alle Seiten, die Macher und die Zuschauenden. Aber eine mutige.

Was bleibt, ist unter anderem der allererste Eindruck, in Marburg selten (noch nie?) ein so individuelles, interessantes, neugierig machendes Ensemble gesehen zu haben.

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