+
Die fünf leiden und hadern.

Schauspiel Frankfurt

Keine Figuren, keine Dialoge

  • schließen

Irgendwo ist es eher unheimlich und Raben filmen das: Laura Naumanns "Das hässliche Universum" im Schauspiel Frankfurt.

Fünf Menschen („3D / 2H“). Ein unbestimmter Ort. Eine unbestimmte, aber irgendwie doch unheilvolle Zeit. Am Ende ein Weltenbrand. Und die Weltenanzünder irgendwie euphorisch. Das hässliche Universum“ überschreibt die 1989 geborene Dramatikerin Laura Naumann ihr jüngstes Stück, das genauso auseinander treibt wie das All, übertitelt sie einen Text, in dem sie alles zu fassen und in einen Theaterabend zu zwingen versucht.

„Kein Geld keine Zeit keine Ahnung keine Arbeit keine Freunde keinen Empfang kein Vertrauen keinen Bock keinen Glauben“ heißt es darin (und die Litanei der Verluste geht noch lange weiter, später abgewandelt mit „Nein!“-Deklarationen). „Man kann das Kleine und das Große nicht trennen“, heißt es darin. Doch es ist fast nur vom Großen und das en gros die Rede: „Keine Gerechtigkeit keine Waffe keine Mutter keinen Vater“. Na dann. 

Regisseurin Julia Hölscher lässt den Text vom Band kommen

Einen Tag nach dem mächtigen Klassiker „Richard III“ setzt das Frankfurter Schauspiel unter seinem neuen Intendanten Anselm Weber in den Kammerspielen mit einer Uraufführung den zeitgenössischen Anfangspunkt. Der, das scheint in der Theatergegenwart fast unausweichlich, ein dystopischer ist. Laura Naumanns Stücke heißen „Demut vor deinen Taten Baby“ oder „süßer vogel und soweiter“ und versuchen, das aktuelle politische, gesellschaftliche, individuelle Unwohlsein mittels stark überformter Sprache abzubilden. Dialoge? Nein danke. Aber ein bisschen Science Fiction muss sein, ein bisschen Irrealität, ist cooler so. Nicht etwa Drohnen kommen also ins Spiel, „die Raben mit den Kameras halten natürlich voll drauf, sensationsgeil, wie sie sind“. Die Naumannschen Raben können auch „Handzeichen“ machen. 

In den Kammerspielen hat Julia Hölscher, Regisseurin der Uraufführung, die Entscheidung getroffen, den nicht wirklich irgendwelchen Figuren zuzuordnenden Text in der ersten von anderthalb pausenlosen Stunden vom Band kommen zu lassen. Eine gute halbe Stunde lang schleichen Torsten Flassig, Sarah Grunert, Katharina Linder, Luana Velis und Uwe Zerwer wie Untote mal von links nach rechts, von rechts nach links, setzen sich an eine lange Geisterhaus-Tafel, die da vielleicht für eine Trauerfeier steht, vielleicht auch nicht (der Anfang des Stückes „spielt“ auf einem Friedhof), stehen wieder auf, fixieren das Publikum immer mal als Signal, dass sie gerade „sprechen“. Die fünf machen ihre Bedeutsam-, ihre Dringlichkeits- und Leidens-Pantomime gut; aber es wird doch fad mit der Zeit. 

Ihre schwarzen, rußverschmutzten Klamotten – „traurig, aber sexy“ – ziehen sie dann aus, Unterwäsche und blutige Brandverletzungen kommen zum Vorschein (Kostüme: Susanne Scheerer). Sie entledigen sich auch der von Paul Zoller, Bühne, arrangierten Tische, Stühle, des Geschirrs, alles wird krachend vor die erste Reihe geschmissen, das Publikum zuckt ein wenig zusammen. Torsten Flassig, gerade noch im langen schwarzen Spitzenkleid, lässt sich zuletzt die silbernen Ringe von den Fingern ziehen. Im kleinen Kammerspiel-Raum kann man sie hell aufplinkern hören. Uwe Zerwer gibt seine schwarzen Nylonsöckchen dran. 

Aber nein, auch in Unterwäsche ist für die Akteure noch nicht der Moment gekommen, live zu sprechen. Es bricht erst aus ihnen heraus, als sie über ein sich wie eine kleine Zugbrücke senkendes Laufband (im Text: „Kaugummiautomat“) Prollklamotten erhalten, lappiges Turnhosen-und-T-Shirt-Zeug. Auch eine Streichholzschachtel erreicht sie schließlich so, es kann also zum großen Anzünden kommen. Freilich scheint sich da ein Kreis zu schließen, denn von Beginn an war ja alles eingegraut, auch die Brandverletzungen hatten sie ja vorher schon und der Theaternebel drückte sich in seiner Rauch-Rolle bereits vorher schaurig zwischen den Parkettbodenritzen durch. 

Dies soll keine Vernichtung des Textes und auch keine der Inszenierung sein, die ihn auf eine dräuende, unheimliche Stimmung zu betten versucht, weil sie kaum eine andere Wahl hat. Aber wenn man mal probeweise die Augen schließt (die fünf Schauspieler sitzen an der Tafel und gucken in ihren Nicht-Rollen betreten oder abwesend oder drehen in Zeitlupe den Kopf), kann man sich „Das hässliche Universum“ doch eher als Hörspiel gut vorstellen – mit durchaus ausdrucksvollen Stimmen wie hier.

Denn weit wie ein Scheunentor öffnet Naumanns Text sich für alles, einfach alles („Intellektuelle nein ausländische Investoren nein inländische Absorption nein Gutmenschen nein Menschenmassen nein Menschenrechte nein“ usw. usf.), will mehr und immer mehr – aber offenbar noch radikaler als in früheren Stücken bloß keine Figuren und keine Dialoge. Darf man ihr zu einem anderen Medium raten? 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion