1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

„Katja Kabanowa“ in Salzburg: Unter Menschen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Corinne Winters, Katja, und David Butt Philip, Boris. Foto: Monika Rittershaus
Corinne Winters, Katja, und David Butt Philip, Boris. Foto: Monika Rittershaus © MONIKA RITTERSHAUS, Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele: Barrie Kosky gelingt ein einfacher, großer Wurf mit „Katja Kabanowa“.

Unter Menschen kann es beengt und leer zugleich sein. Menschen können Menschen alleine und trotzdem nicht in Ruhe lassen. Dass eventuell keine Liebe unter ihnen ist und die Liebe, die da ist, nicht sein darf, ist die größte Katastrophe, bevor es zu größeren Katastrophen kommt. Katja wird sich am Ende das Leben nehmen, das hatte 1859 in Alexander Ostrowskis russischem Drama „Gewitter“ seine Logik, es hat 1921 seine Logik in Leoš Janáceks tschechischer Oper „Káta Kabanová“, „Katja Kabanowa“, und die Logik ist bis heute beklemmend, auch wenn Katja ihren Ehebruch schon damals nicht hätte gestehen müssen, auch wenn sie heute ihren überforderten Mann Tichon verlassen könnte. Katja ist die Frau, die es nicht aushält, dass die Dinge sind, wie sie sind: die Lieblosigkeit, die Unfreundlichkeit, die Lüge.

Auch darum braucht es mehrere Liebesaffären auf der Bühne. Katjas Schwägerin Varvara wartet auf die sympathischste Art nur auf die Gelegenheit, mit ihrem Geliebten Kudrjaš um die Häuser zu ziehen. Ihre Schwiegermutter Kabanicha wartet auf die unsympathischste Art nur auf die Gelegenheit, ihren Geliebten Dikoj bei sich einzulassen, was sie nicht daran hindert, Katja zu demütigen und ihre Ehe unter dem Deckmantel von Moral und Rechtschaffenheit zu torpedieren.

Als Katja keinen Grund mehr erkennen kann, dem verliebten Boris zu widerstehen, stürzt sie sich vorbehaltlos und aufrecht in ihre Liebe zu ihm. Niemand auf der Bühne sieht ihre Noblesse und Verzweiflung, aber Janácek lässt sie uns hören und Barrie Kosky lässt sie uns sehen. In der Felsenreitschule hat er für die letzte Opernpremiere der Salzburger Festspiele eines jener straffen, an sich ganz einfachen Inszenierungswunder vorbereitet, die selbst ihm nicht immer gelingen, aber anscheinend leicht von der Hand gehen.

Die ewig breite Bühne ist die Felsenreitschule selbst, steinhart. Corinne Winters rennt gleich mit Wucht dagegen und stößt andererseits auf die Klippe zum Orchestergraben. Viel Platz, aber eng. Hinten eine riesige Menschenmenge mit dem Rücken zu uns, Hunderte. Erst denkt man an einen spektakulären Salzburger Statistenmassenauftritt, aber tatsächlich hat Rufus Didwiszus eine beeindruckend echt wirkende Puppenmenge entworfen, die bei geschlossenem Vorhang immer wieder neu gruppiert werden kann: geballter an der Seite, als Rahmung eines engeren Bühnenausschnitts. Und selbstverständlich: keine Menschengruppe könnte so still halten.

Es braucht weiter keine Requisiten, der Rest ist Koskys fabelhafte Personenführung, die jeden nach seiner Art in Bewegung setzt. Und selbst wenn sich nun meinethalben mehrmals Menschen seitlich über den Boden rollen, wirkt das kalkuliert. Victoria Behr hat das Ensemble in ähnlich gedämpfte Töne modern gekleidet wie die Schar – für Katja gibt es merkwürdigerweise etwas Neues in jeder Szene, vielleicht soll klar werden, dass Zeit vergeht. Die Sängerinnen und Sänger lösen sich aus der Menge oder tauchen aus den schmalen Durchgängen auf, die sich zwischen ihr auftun. Nur Katja gehört nie dazu, ist zu lebendig, zu beweglich, rennt schon zum Vorspiel über die Bühne, ist unglücklich auf die Art, in der leidenschaftliche Menschen unglücklich sind.

Die amerikanische Salzburg-Debütantin Corinne Winters, die man in Frankfurt in der vergangenen Saison als Iolanta (in der Tschaikowski-Oper) gehört haben kann und nächste Saison als Madame Butterfly wird hören können, ist die perfekte Verkörperung der extrem angespannten und in Richtung Liebe dann explodierenden Gefühle. Das führt zu dem operntypischen Paradox, dass eine Sängerin triumphiert, während eine Figur untergeht.

Kosky findet ein starkes Bild nach dem anderen, Winters kann sie alle zeigen: ihr Gesicht öffnen wie ein Buch, in dem Lebensfreude und Todesnot blank und bloß sichtbar werden, ihrem glücklosen Mann Tichon im letzten Versuch der Liebesrettung in die Arme springen und sich von ihm herumtragen lassen wie ein kleines Kind. Oder in der Umarmung ganz hinter ihrem Geliebten Boris verschwinden, während wir (nach Kosky-Art) nur ihre nackten Arme und Hände sehen, die seinen Rücken abtasten wie eigenständige Tierchen. Ihr Sopran, jugendlich und zugleich erschütternd reif, lodert in glänzend austariertem Vibrato und in großen, unangestrengt wirkenden Bögen.

Winters’ eher dunkles Timbre schmiegt sich schön an den Mezzo von Jarmila Balážová an, eine unkomplizierte, bis zur freundlichen Rücksichtslosigkeit lebensgierige Varvara. Der scharfe Kontrast dazu: die große Evelyn Herlitzius als arge Schwiegermutter und auch in der tiefen Partie mit immer noch lichter Stimme. Steif stolziert sie am Stock daher, völlig losgelöst nur im lieblosen Sexspiel mit Dikoj, dem Bass Jens Larsen, der sich wie alle Männer hier mit einer Nebenrolle zufrieden geben muss. Boris, David Butt Philip, ist sein kleingehaltener Erbe – wirtschaftliche Abhängigkeiten liegen finster über den seelischen Kämpfen – mit großem Tenor an einem Abend der Tenorfarben: Jaroslav Brezina ist der zagende, matte Tichon, Benjamin Hulett der freche und entsprechend vorlaut und mit Schärfe singende Kudrjaš (der mit dem hinreißenden Warteliedchen).

Man muss sicher nicht aus derselben Stadt wie Janácek stammen, um „Katja Kabanowa“ zu dirigieren, aber es hat seinen Reiz, dass auch Jakub Hruša ein Brünner ist. Mit den Wiener Philharmonikern findet er einen melancholischen, verhältnismäßig sanften „Katja“-Klang, das Unexaltierte passt zu dieser Titelheldin. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (unter Huw Rhys James) singt aus dem Off, auf der Bühne ist es eine Statistengruppe, die zwischendurch die innere Erregung nach außen spiegelt.

Es gibt für Katja keinen Ausweg, bis sie kurzerhand und sehr unprätentiös eine Kachel aus dem Bühnenboden nimmt und sich hineinfallen lässt (in die Wolga). Das restliche Personal fügt sich nach der großen Aufregung wieder in die Menschenmenge ein, als wäre nichts gewesen. So wenig braucht ein hartes, großes Opernschlussbild.

Salzburger Festspiele , Felsenreitschule: 11., 14., 21., 26., 29. August. Im Fernsehen am 20. August, 20.15 Uhr in 3sat. www.salzburgerfestspiele.at

Auch interessant

Kommentare