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Franz Xaver Kroetz, hier als Schauspieler in der Rolle des Willy Kamrad.

Franz Xaver Kroetz

Katastrophen hat es genug

Der Schauspieler und Theaterdichter Franz Xaver Kroetz wird 70 Jahre alt. Ein Glückwunsch.

Von Dirk Pilz

Franz Xaver Kroetz wurde in München geboren. Auf seiner Webseite steht: „Grüß Gott mitanand“. Aber ein bayerischer Volksdichter ist Kroetz nicht, er ist ein Katastrophensammler.

Früh hat er zu schreiben begonnen. Wie viele Theaterstücke es sind, weiß auch er nicht. „50 plus x vorhanden, ca. 1 Dutzend vernichtet“, steht auf der Webseite. Außerdem noch: „Um mich zu befreien, von mir und den vielen Absagen, die ich am Anfang meiner Dramatiker-Laufbahn von den Verlagen bekam, hab ich immer wieder mal, bis 1971, im elterlichen Garten ein Feuer gemacht, mich richtig angesoffen und viel beschriebenes Papier verbrannt. So ist viel Frühes weg, und ich bereue es nicht, denn es ist noch genug da. Und wenn man sich, solange man jung ist, öfter mal zurück stutzt, wird man ziemlich kräftig.“

Da hat man den ganzen Kroetz. Das Saufen ist eines seiner Lebensthemen. Das Zurückstutzen, Abgewiesensein und Kräftigwerden wider Willen auch. Seine Literatur ist Protest, Wutschnauben, manchmal Krakeelen, immer ein polterndes Anrennen. Gegen eine Gesellschaft, die eine Mutter zur Abtreibung zwingt, mit der Stricknadel, wie in seinem frühen Stück „Heimarbeit“ (1971), gegen ein Arbeitnehmerdasein wie das des einsamen Verkäuferinnenfräuleins Rasch im „Wunschkonzert“ (1973), das sie kein einziges Wort reden, aber viele Schlaftabletten nehmen lässt; gegen eine Welt, in der wie in „Stallerhof“ (1972) der Sepp vom Hof gejagt wird, weil er mit der Beppi geschlafen hat und die Beppi nicht der Normalvorstellung von geistiger Gesundheit entspricht; gegen ein bundesrepublikanisches Deutschland wie in „Furcht und Hoffnung der BRD“ (1984), in dem der arbeitslose Willi den Satz sagen muss: „Man testet, wie viel man mir zumuten kann, bis ich mich umbringe.“

Seelen- und weltbildaufrüttelnd

Für die Zuschauer solchen Theaters waren diese Tests oft schwer erträglich, weil seelen- und weltbildaufrüttelnd. Aber genau das will Kroetz. „Meine besten Stücke“, sagt er, „sind politisch, kritisch, schrecklich, deutsch.“ Dass es Schriftsteller gibt, die Abgründe suchen, um Stoff fürs Schreiben zu haben, muss Kroetz immer lächerlich vorgekommen sein. „Mir hat das Leben glücklicherweise so viel Scheiße hingeschaufelt, dass ich nicht reinspringen musste. Die Katastrophen sind alle von selber gekommen.“

Er war mit dieser Katastrophendramatik in den 70er Jahren überaus erfolgreich – und blieb sperrig, widerborstig. Dass er zudem viele Jahre für die DKP aktiv war, zwei Mal gar für den Bundestag kandidierte, hat das Theaterbetriebsetablissement damals furchtbar aufgeregt.

Berühmt wurde Kroetz unter den Leuten übrigens vor allem als Schauspieler in Helmut Dietls Fernsehserie „Kir Royal“. Kroetz spielt den Klatschreporter Baby Schimmerlos, er spielt ihn hinreißend als einen, der immer die Hände beißt, die ihn füttern.

Zuletzt hat er fast gar nicht mehr geschrieben, leider. Er wohnt jetzt vor allem auf Teneriffa. Die Webseite sagt: „In Planung: nichts mehr, oder? Schau mer mal.“ Heute wird Franz Xaver Kroetz siebzig Jahre alt. Wir wünschen nur das Beste.

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