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„Kassandra“ in Kaiserslautern: Warum sieht nur die eine?

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Von: Sylvia Staude

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Kassandra, am Ende zur Statue geworden.
Kassandra, am Ende zur Statue geworden. © Andreas J. Etter

James Sutherlands Tanzstück „Kassandra“ im Pfalztheater Kaiserslautern.

Das Pfalztheater in Kaiserslautern erscheint einer aus Frankfurt Kommenden privilegiert, da es das Große Haus immerhin noch zu 50 Prozent füllen und sein Publikum im Schachbrettmuster platzieren darf. Es genügt aber derzeit schon, von Wiesbaden nach Mainz zu fahren, um in den Theatern je andere Regeln vorzufinden. Mancher Intendant würde sein Haus sicher gern mal für einige Zeit über die Landesgrenze rücken. Freilich erwischte es auch das Pfalztheater in anderer Hinsicht, wie es in diesen Wochen viele Bühnen erwischt: Der Orchestergraben musste wegen eines Corona-Falls am Premierenabend leer bleiben, die Musik vom Band kommen.

Anlass für eine Fahrt nach Kaiserslautern war James Sutherlands letztes großes Stück als Tanzdirektor des Pfalztheaters, „Kassandra“. Sutherland verabschiedet sich nach sechs Spielzeiten in den Ruhestand, was nicht ausschließt, dass der Schotte als freischaffender Choreograf unterwegs sein wird wie schon in den 80er und 90er Jahren. In Kaiserslautern hat er sich zwar nicht mit einer originellen Handschrift profiliert, wohl aber mit einem sicheren Stilempfinden gerade bei großen Tableaus.

Das ist nun auch bei „Kassandra“ so, nach Motiven und mit Textausschnitten der gleichnamigen Erzählung von Christa Wolf. Die Schauspielerin Nina Schopka ist die eine Kassandra, die Tänzerin Camilla Marcati die andere. Immer wieder einmal berühren sich die beiden, immer wieder macht Schopka eine Tanzbewegung punktgenau mit, aber Sutherland setzt sie vor allem als Sprecherin ein für kurze, klug ausgewählte Textpassagen.

Christa Wolfs Kassandra ist, wie die Schriftstellerin in ihrem Arbeitstagebuch notierte, „eine lebhafte, sozial und politisch interessierte Person“, die nicht heiraten und das Haus hüten will, sondern „etwas lernen“. Eine „Seherin“ wird sie hier weniger wegen eines Gottes, sondern weil sie die Gegenwart realistisch, ungeschönt wahrnimmt, sich nichts vormacht, auch den anderen nichts vormachen will.

Es ist dieser Kern, den Sutherlands „Kassandra“ herausarbeitet, gerade indem es ein Abend der klaren Linien und der unforcierten Symbolik ist.

Eine entscheidende atmosphärische Rolle spielt dabei das Bühnenbild Yoko Seyamas: Dunkelrot ummantelte Säulen, mit einer Öffnung, aus der zu Anfang einzelne Figuren treten. Säulen, die aber nach der Pause eher wie überdimensionale Kabelrollen wirken, wie sie da aus dem Bühnenhimmel hängen, ominös knarzend, wenn sie bewegt werden. Würden Troerinnen und Troer nach oben blicken, sie könnten gar nicht anders, als ihren nahenden Untergang zu begreifen. Den sie freilich auch aus den Steinen lesen könnten, die die Bühne nun umgrenzen. Rosa Ana Chanzá hat dem Ensemble schlichte Hosen und Leibchen in Dunkelblau, später Schwarz angezogen, die Herrschenden tragen Schwarz.

Auch James Sutherlands Bewegungssprache ist eine der klaren Worte. Ob es Kassandras Zuneigung zu ihrem Vater Priamos (Mun-Ho Cha) ist, ob es ihre Entschiedenheit ist, Eurypylos (Davide Benigni) abzuweisen, mit dem sie zwangsverheiratet werden soll, Haltung und Gesten sind eindeutig, ohne überzeichnet zu sein. In einem langen Duo, in dem Kassandra wegstrebt, Eurypylos fast lässig immer wieder nach ihr fasst, beginnt Kassandra ihn zu schubsen – vielleicht ist auch eine Ohrfeige dabei. Nach einer Weile geht Eurypylos einfach, während sie weiterkämpft gegen die Luft.

Verstärkt werden die Signale der Choreografie, besonders eine Kriegsszene vor der Pause, durch die Musikauswahl: darunter das fahle, kantige „Concerto Grosso No. 1“ von Alfred Schnittke und die zuletzt fast schon hysterische Intensität von Michael Gordons „Decasia Part 6“. Am Ende des zweistündigen Abends wird es versöhnlicher auch dank Ralph Vaughan Williams’ „Fantasia on a Theme by Thomas Tallis“.

„Kassandra“ zeigt einmal mehr, dass Sutherland Stoffe zu vermitteln vermag, ohne den Tanz mit Aussagen zu beschweren, die dieser gar nicht augenfällig machen kann. Körper können sprechen, aber sie können es eben nicht so eindeutig wie ein Text. Hier ergänzen sich perfekt die Schauspielerin und die Tänzerin. Bis hin zum berührenden Schluss, wenn Nina Schopka Camilla Marcati mit Schlamm einreibt, so dass diese gleichsam zur Statue wird, den kriegswilden Menschen zur bleibenden Mahnung.

Pfalztheater Kaiserslautern :

22., 29. Januar, 6., 19., 25. Februar. www.pfalztheater.de

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