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Sie haben die „licence to repeat“: She She Pop mit „Kanon“. 

Mousonturm Frankfurt

She She Pop mit „Kanon“ im Mousonturm: Heikles Unterfangen

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She She Pop in der Jubiläums-Performance „Kanon“.

Ach, hätte nicht der Ew’ge sein Gebot Gerichtet gegen Selbstmord. So grübelt Hamlet im ersten Monolog, auf Englisch: „fix’d His canon ‘gainst self-slaughter“. „Hamlet“ ist Teil des Kanons, Hamlets Moral-Kanon aber bleibt in „Kanon“ außen vor.

Missfiele einem das neue Stück des Berlin-Gießener Theaterkollektivs She She Pop, dann ginge Hamlets Weltsicht umso mehr als Stückbeschreibung durch, sein: „Pfui! ‘s ist ein wüster Garten“ voll von „verworfenem Unkraut“ („unweeded garden“). Das liest sich, als bliebe der Hanf (weed) für She She Pops Sheesha übrig, um die Girl Group an der Wasserpfeife zu Stücken wie „Kanon“ anzufeuern.

Doch genug gealbert, wobei „Kanon“ das kanonische She-She-Pop-Rumalbern mit Kunst und Leben ja noch auf die Spitze treibt. Der Titel und die Stück-Idee meinen recht brav den Kanon als normative Auswahl von Werken. Klar, dass die sieben Performer (wie Johanna Freiburg) und lokalen Performer-Gäste (wie die Tänzerin Irene Klein und Joana Tischkau) plus zwei Laien-Zuschauer in zwei Stunden mit Animierphasen einen Spezial-Kanon in Szene setzen: die unvergesslichen Momente der Performances anderer Künstler.

Sandra Fox’ Bühne ist eine offene Spielfläche mit hängenden Requisiten links und rechts, Mikroständer vorn und der Rück- als Projektionswand. Wichtig auch Michael Lentners und Jeff McGrorys Licht- und Sounddesign, schon um die erinnerten „Moments“ zu punktieren und der Erinnerung Stoff zu geben. Buchhalterisch werden einmal die dreißig Requisiten an Fäden, 63 Scheinwerfer und 250 +x Musiktitel aufgelistet, derweil wir über die Copyshop-bedruckten Sweatshirts mit Bildern von Performerinnen staunen, die die She-She-Pop-Künstlerinnen teils 2D-barbusig zeigen (Kostüme, Requisiten: Lea Søvsø). Zur Requisite zählen eine Pop-Art-Schere, ein Motorradhelm, die Arme der vielarmigen Hindugöttin, ein Donut-Sombrero und das Maskengesicht des Underground-Filmers Jack Smith.

Das Billige daran ist eine Prinzipienfrage. Denn ein Kanon „großer“ Performance-Momente: Was wäre das? Ein heikles Unterfangen. Banal heißt „Performance“ einfach Aufführung, und sei es die erste aus Kindertagen oder ein Mercedes-Sosa-Konzert. Solche Erinnerungen kommen hier vor.

Als Genre im starken Sinn ist die Performance aber eine situative Kunstform, die im Handeln verglüht, Wiederholbarkeit scheut und sich in ihrer Flüchtigkeit der Kanonbildung entzieht. Wer trotzdem an Performance-Momente von Josef Beuys, Marina Abramovic, der Wooster Group und so fort erinnert und das in Accelerando-Serie reenacted (neu-spielt), droht alle Einmaligkeit zu negieren.

Landet man so beim Fremd-Merchandising mit schlechtimitierten Requisiten, absichtlich laienhaften Re-Choreografien (nach „Gänge“ von Forsythe) und Diskurs-Gerede als Szenen-Klebstoff? Na klar: beflissen, wortreich, schamlos. Die Schamlosigkeit des Trash-Reenactment missachtet zugleich aber jene akademisch-tote Authentizität, die alte Performances einschreint wie Schneewittchen. Gegen alle Chancen gelingt die Performances-Performance „Kanon“ deshalb. Es ist, als hätte sich She She Pop im Bond-Jahr eine „licence to repeat“ gedruckt, auch weil (so hören wir) Parodien tantiemenfrei sind. Was der ironischen Revuehaftigkeit und „Kunstaura“-Subversion She She Pops perfekt entspricht.

Mousonturm, Frankfurt:25. Januar. www.mousonturm.de

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