Elizabeth Bailey (Giunia) und Lucio Silla (Tobias Hächler).
+
Elizabeth Bailey (Giunia) und Lucio Silla (Tobias Hächler).

Staatstheater Kassel

Kampfsport unter Diktator Lucio Silla

  • vonGeorg Pepl
    schließen

Mozarts frühe Oper, packend am Kasseler Staatstheater.

Der Librettist Giovanni de Gamerra (1742-1803) muss ein morbider Charakter gewesen sein. So wird berichtet, dass er seine verstorbene Gattin ausgraben und verbrennen ließ, um ihre Asche immer bei sich führen zu können. Seiner Vorliebe für das Schaurige frönte er auch im Text der im Jahr 1772 in Mailand uraufgeführten Oper „Lucio Silla“. Glücklicherweise, denn eben dieses unheimliche Element inspirierte den sechzehnjährigen Mozart zu wahrhaft genialen, ja erschreckenden Momenten.

Gerade die Ombra-Szene im ersten Akt jagt einem einen Schauer über den Rücken. Cecilio, von Diktator Lucio Silla aus Rom verbannt, aber heimlich zurückgekehrt, ist im Begriff, seine von Silla begehrte Geliebte Giunia am Grab ihres Vater zu treffen. „Morte, morte fatal“, singt Cecilio in einem abgründigen Accompagnato-Rezitativ. Herbe Akzente der Hörner und Trompeten lassen aufhorchen – ebenso wie dann Giunias Klagegesang in ergreifendem g-Moll. Neben atemberaubenden Stellen enthält diese Opera seria mit ihren langen Arien auch konventionell Anmutendes.

Alles ist jedoch hochintelligent und detailreich komponiert, sodass man nur Nikolaus Harnoncourt beipflichten kann, der einst meinte: „Denn dieser Sechzehnjährige beherrscht den Stil seiner Zeit perfekt, aber es gibt unter seinen Zeitgenossen keinen einzigen, der so etwas geschrieben haben könnte.“ Eindrucksvoll realisiert der Dirigent und Cembalist Jörg Halubek den impulsiv-nervösen Reiz des Jugendwerks. Als Kraftzentrum befindet sich das auf einen historisch informierten Mozartstil eingeschworene Staatsorchester Kassel mitten im Geschehen, gleicht doch ein Teil der Bühne einem Saturnring, der den angehobenen Orchestergraben umschließt. Dahinter führt die Bühne schräg nach oben, hin und wieder öffnet sich der Raum, auch spiegeln Videos die Innenwelten der Akteure wider. Es ist eine packende Umsetzung durch Stephan Müller (Inszenierung), Siegfried E. Mayer (Bühne) und Carla Caminati (Kostüme).

Bedrohlich geht es zu in Sillas Diktatur. Immer wieder tritt eine Kampfsportgruppe in Erscheinung, doch gibt es auch Ironie, wenn Sillas Schwester Celia kecke Staccato-Töne ausstößt und dabei den dekadenten Bruder massiert. Tobias Hächler verkörpert markant diesen so unberechenbaren Herrscher, der zuletzt völlig überraschend Gnade walten lässt und dessen Gesangspartie vergleichsweise anspruchslos daherkommt.

Das übrige Ensemble beweist sein Geschick in äußerst virtuosen Partien. Allen voran Elizabeth Bailey als zwischen Furor, Sehnsucht und Verzweiflung pendelnde Giunia. Glanzvoll auch Lin Lin Fan als Celia. Maren Engelhardt (Cecilio) und Bénédicte Tauran (Cinna) tragen zum positiven Bild bei. Noch Luft nach oben in den Koloraturen war bei Younggi Moses Do als Sillas Berater Aufidio.

Staatstheater Kassel: 13., 16. und 29. Dezember. www.staatstheater-kassel.de

Kommentare