Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Momentaufnahme auf "Dança Doente".
+
Momentaufnahme auf "Dança Doente".

Mousonturm Frankfurt

Vom Kampf, von der Liebe und von der Leere

  • vonStefan Michalzik
    schließen

„Dança Doente“, kranker Tanz: Marcelo Evelin zeigt ein zutiefst eindrucksvolles, am japanischen Butoh orientiertes Tanzstück im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt.

Das Ritual ist ein grundlegendes Motiv im Schaffen des brasilianischen Choreografen Marcelo Evelin. In dem neuen mit seinem Ensemble Demolition Incorporada entwickelten Stück „Dança Doente“ – Kranker Tanz – beschäftigt er sich mit dem künstlerischen Erbe des japanischen Tänzers Tatsumi Hijikata, dem Urvater des Butoh-Tanzes. Schwarz und weit wirkt der Raum auf der Bühne des Frankfurter Mousonturms, der das Stück als Koproduzent wenige Tage nach der Uraufführung beim Kunstenfestivaldesarts in Brüssel zeigt. Drei Tänzerinnen und sechs Tänzer schlüpfen unter der rückwärtigen Tuchwand hervor und nehmen Stellung vor dem Publikum auf. Eine hyperwuchtige synthetische Perkussion schreibt sich etliche Zeit fort, bevor erste Zuckungen die Körper zunächst einzelner und in einem sich lang dehnenden Prozess nach und nach aller Tänzer erfassen. Mitnichten handelt es sich um ein Butoh-Stück, vielmehr lässt sich von einer zeitgenössischen Überschreibung sprechen.

Ein einen Meter über dem Boden schwebender Prospekt verdeckt auf der rechten Seite die hintere Hälfte des Raumes. Zu sehen sind in vielen Bildern bloß die Beine und ein Teil der Oberkörper. Daraus resultiert ein besonderer Reiz in der Polyphonie der sich schrittweise verzögert abwinkelnden Gliedmaßen.

Nacktheit ist ein weiteres Merkzeichen im Kosmos des 55-jährigen Evelin. Wie zufällig lugt eine der Brüste einer Tänzerin hervor. Unter Umhängen sind die nackten Körper zweier Männer zu sehen; ein selbstgeißlerisches Solo auf den Knien, nun ganz entkleidet, schließt sich an.

Zwei sich kreuzende weiße Bahnen paraphrasieren den Laufsteg im japanischen No-Theater. Hier spielt sich die Begegnung eines jungen Mannes mit schwarzem Vollbart mit einem alter-ego-gleichen graubärtigen Kahlkopf ab – Marcelo Evelin selber. Ihr Ringen lässt zunächst auf einen Kampf schließen; daraus entwickelt sich dann jedoch eine exzessive homoerotische Begegnung von expliziter Direktheit – die Szene nimmt Bezug auf Hijikatas Butohklassiker „Rose Color Dance“.

Im finalen Bild schreitet Sho Takiguchi, der ins Ensemble eingebundene Schöpfer des dunklen Ambient-Minimalismus, mit nacktem Oberkörper und weißem Spitzenrock unendlich langsam die Bahnen ab. Auf der Ukulele spielt er asiatisch anmutende Töne. Er verschwindet als letzter des Ensembles hinter dem Vorhang.

Am Ende dieses tief eindrücklichen Abends bleibt – die leere Bühne. Als würde die Zeit angehalten, ist dieses Bild das letzte in einer ungemein intensiven langen Reihe nach reichlich eineinhalb Stunden, bevor nach einer längeren Weile allmählich ein großer Beifall einsetzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare